Von H. Fischer-Barnicol

Georg Huber: Paul VI.; Verlag Bonifacius-Druckerei, Paderborn; 264 Seiten, 16,80 DM.

Ein großer Teil der Bücher über katholische Probleme ist von angenehmer sympathischer Nüchternheit. Aus der angenehmen Kühle solcher Feststellungen gerät man ins angeheizte Moorbad, wenn man – der Rezension zuliebe – Hubers Buch lesen muß. Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine solche erbauliche Schlammpackung heilsam sein kann. Schon im Klappentext geht es hoch her: „Da sind die neuen wichtigen Erkenntnisse der Profanwissenschaften ...“ (hoffentlich keine neue Disziplin auf katholischen Universitäten), „da ist das Zusammenwachsen zur ‚one world‘ durch die neuen Mittel des Nachrichten- und Verkehrswesens und die Drohung der Bombe“ (wobei mir dieses Verkehrswesen beinahe größere Angst einjagt als eine Drohung der Bombe, die Zusammenleben gewährleistet); da paaren sich das neue Weltverständnis der Gläubigen und ein neues Kirchenbewußtsein, und was dabei herausschaut, ist eine Biographie, die nicht „eine bloße Aneinanderreihung äußerer Lebensdaten und eine Sammlung amüsanter Anekdoten“ bietet, wie der Verlag zu Recht versichert, sondern „zunächst und vor allem“ den „Wesenskern der Persönlichkeit erhellt“. Weiß der Teufel, dem Verfasser und seinem unvergleichlichen Übersetzer Dr. Heinz Bauer gelingt es, die als bedrohlich erkannten Gefahren einer solchen Biographie zu vermeiden: weder ein „einfacher Naturalismus“, noch ein „Angelismus“ ist diesem Buch vorzuwerfen, womit gemeint ist, daß es weder nüchternen Bericht erstattet, noch den gegenwärtigen Papst zum Engel werden läßt. Der Stil dieses Buches läßt ihn zu einem grotesken, sanftmütig-doktrinären Heuchler werden, der – in dieser Übersetzung – ebenso schlecht denken wie reden kann.

Man mag und muß wohl Bedenken gegen einige Entscheidungen und Unentschiedenheiten Pauls VI. vorbringen; aber dieses Buch tut ihm unrecht. Das stümperhaft gemalte Porträt entstellt aufs lächerlichste. Es läßt Montini „in einer tief christlichen Familie im Norden Italiens“ zur Welt kommen, dort, wo „das religiöse Leben recht lebendig war“. Sein Bruder Franz ist heute „Arzt in Brescia und Vater zweier Töchter“. Mutter Judith war Präsidentin der Frauen der Katholischen Aktion in Brescia und: „...wenn auch ihr Mann und ihre drei Söhne ganz im Mittelpunkt des Lebens standen, so war Frau Judith Montini jedoch sehr zurückhaltend in den Äußerungen ihrer Empfindungen für Ludwig, Johannes Baptist und Franz. Sie scheute sich, im Unterschied zu der üblichen Gepflogenheit der italienischen Mütter, ihre Gefühle allzu deutlich zu zeigen, sondern ließ sie in einem Blick, einem Zeichen, einer Geste oder sogar im Schweigen durchscheinen. Frau Montini war unbeugsam bei ihrer Erziehung, wurde jedoch niemals laut dabei. ‚Sie hat niemals geschrien.‘“

Erstaunlicher noch ist die „Offenherzigkeit“ Schwester Maria Zairas, der noch lebenden Leiterin eines Kinderhortes, den Vater Montini „für die Kinder des Volkes gegründet“ hatte; sie gesteht schelmisch, sie habe die „recht wilden Montini-Kinder“ „mitunter“ gescholten und sogar geohrfeigt. Ein Mitschüler des von der göttlichen Vorsehung so sorgsam Vorbereiteten bezeugt: „Etwas setzte mich bei ihm in Erstaunen, er sprach sozusagen mit dem Wörterbuch, ich möchte sagen, daß er eine ganz besondere Weise, sich auszudrücken, besaß, sogar dann, wenn er mit uns sprach; er drückte sich auf eine sehr bestimmte Weise aus, ganz anders als gewöhnlich.“ Und in der Tat, dies tut Montini auch späterhin – jedenfalls in diesem Buch. Da erzählt er vom Gespräch mit einem „liebenswürdigen aber strengen Protestanten“, der ihm „mit Überraschung und Freude, während ich ihm mit Hochachtung zuhörte“, von der Zusammenkunft des Weltkirchenrates in Genf berichtet, die natürlich in St. Peter, einer „sehr schönen, ehemals katholischen Kirche“ stattfindet:

„Wenn Sie wüßten“, sagte er mir, „wie schön es war, als man von einer Seite ein Gebet in slawischer Sprache hörte, während von der anderen Seite in Englisch geantwortet wurde! Und dann wurde da noch auf Französisch gesungen; einer begann die Bibel auf Deutsch vorzulesen, und ein anderer intonierte einen Gesang in einer orientalischen Sprache. Das war so schön, so schön!“ Bei der Vorstellung dieses Höllenlärms hat Montini aber nicht etwa gelacht, nein, „zwischendurch unterbrach ich ihn, um ihn darauf aufmerksam zu machen: ‚Aber, mein Herr, das ist ja katholisch!‘“

Je länger Montini, wie es immer wieder heißt, „dem Heiligen Stuhl dient“, desto fürchterlicher wird seine „ganz anders als gewöhnliche“ Ausdrucksweise. „Wir können feststellen“, verkündet er dann als Papst, „daß die Konzilsarbeit einerseits sehr arbeitsreich, andererseits aber in der Darlegung der Meinungen völlig frei war.“ Und wenn er auch erkennt, daß „viele Früchte, welche die Kirche erntet, jetzt erst ein Samenkorn sind, das in die Erde gesenkt ist“, stets ist er darauf bedacht, daß „Christus als Prinzip, Führung und Hoffnung in den Mittelpunkt gestellt wird“.