J.-R. Tournoux: Pétain et de Gaulle. (Un demi-siecle d’histoire non officielle.) Paris, Plön; 542 Seiten, 24,65 F.

Dies ist ein sehr wichtiges, ein außerordentliches Buch über ein Stück zeitgenössischer Geschichte. Der Autor schöpft zum größten Teil aus Quellen, die von der klassischen Geschichtswissenschaft als sekundär bezeichnet werden würden. Aber das Buch ist so angelegt, daß hier die akademische Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärquellen unwichtig wird; das Werk ist bedeutsam sowohl wegen seines dokumentarischen Wertes als auch wegen der Gedanken und wichtigen Einsichten, die der Verfasser in seinem Buche niedergelegt hat.

Als im Oktober 1944 das französische Institut für Meinungsforschung die Bevölkerung befragte, ergab es sich, daß achtundfünfzig Prozent der Befragten sich dafür aussprachen, Pétain nicht vor ein Gericht zu stellen. Selbst heute noch ist es innerpolitisch nicht der Abgrund zwischen Links und Rechts, der die Franzosen am tiefsten und bittersten spaltet; es ist die Uneinigkeit, die immer noch auf die Jahre von 1940 bis 1945 zurückgeht, der Abgrund zwischen denen, die am Ende immer noch mehr für Pétain übrig haben als für de Gaulle, und denen, die diese Gefühle nicht teilen. Die Zahl derjenigen, die Pétain sehr hoch schätzen, ist immer noch groß, sie spiegelt sich keineswegs in den Wahlstatistiken wider.

Nun waren Pétain und de Gaulle nicht einfach zwei Soldaten, die in einem äußerst dramatischen und tragischen Augenblick des Jahres 1940 ihre Pflicht ihrem Lande gegenüber verschieden, sehr verschieden auffaßten. Ihrer beider Leben war eng miteinander verbunden gewesen, und die Spuren eines psychologischen Dramas in ihren Beziehungen zueinander sind nicht zu übersehen. Pétain war nach 1918 das Idol des jungen de Gaulle. Das war bei dem einzigartigen Ansehen des Marschalls zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlicher war der Umstand, daß der trockene und nicht eben großmütige Pétain diese Zuneigung erwiderte. Er erkannte die außergewöhnliche Begabung des jungen Hauptmanns de Gaulle; er wurde der Pate seines Sohnes Philippe; bei zwei Gelegenheiten verwandte Pétain seinen Einfluß zugunsten des eigenwilligen und isolierten de Gaulle, der wiederum Pétain seine Bücher widmete.

Aber nach 1936 trennten sich ihre Wege. Marschall Pétain, dessen Ansehen ihn zu einer führenden nationalen Gewalt gemacht hatte, war jetzt der Abgott der Rechten, ein Mann, dem eines Tages eine wichtige Rolle zufallen konnte. De Gaulle aber blieb ein verhältnismäßig unbekannter Offizier, dessen Bücher man in Frankreich kaum kannte und der 1936 zum ersten Male seine früheren Sympathien für die französische Rechte, für die zukünftigen Pétainisten, fallen ließ. Damals erkannte de Gaulle, daß ihre weltanschaulichen Neigungen, ihre Verachtung gegenüber Marxisten und Juden und Briten und der Demokratie nur Hitler stärken würde.

Im September 1938 (das Zusammentreffen dieses Datums mit der Münchener Krise wird von Tournoux nicht genügend herausgestellt) ihr erster Konflikt: Pétain distanziert sich von einem Buch, das de Gaulle veröffentlicht (und immer noch ihm gewidmet hatte). Weniger als zwei Jahre später der dramatische Bruch: der schon greisenhafte Pétain, von Vorurteilen gegenüber den republikanischen Einrichtungen Frankreichs erfüllt, voller Mißtrauen gegen die Briten, sucht den Waffenstillstand mit Hitler; de Gaulle fliegt in einem Zustand patriotischer Verzweiflung allein nach London, wo er den Willen der Franzosen zu verkörpern sucht, nicht aufzugeben. Der Rest ist geschichtlich bekannt.

Weniger bekannt sind die vielen merkwürdigen Einzelheiten in den fortdauernden Beziehungen zwischen ihnen: wenn Pétain immer noch gewisse Geistesgaben de Gaulles bewunderte, beiläufig hingeworfene Sätze Pétains oder seine Bemühungen, 1944 Verbindung zu de Gaulle aufzunehmen, seine warmen Worte für de Gaulle selbst aus dem Gefängnis – aber auch de Gaulles Wunsch, den alten Marschall zu schonen, der sich am deutlichsten zeigte, als das Todesurteil umgewandelt wurde (eine Geschichte, die immer noch nicht vorbei ist, denn selbst heute noch wird die Frage, wo Pétain seine letzte Ruhestätte finden soll, unter den Franzosen heftig erörtert).