Von Peter Bender

Der erste Eindruck: Er ist alt geworden. Das schmale Arbeitergesicht unter dem weißen Haar wirkte kleiner, als man es in Erinnerung hat. Die undogmatische, fast bescheidene Art zu sprechen, seine leise Stimme, der Verzicht auf jede Polemik, die in der DDR höchst ungewohnte Höflichkeit, mit der er sich für den Ausdruck "kapitalistisches" Ausland entschuldigt – all das war geeignet, den kleinen Kreis der Gesprächsteilnehmer – westdeutsche Journalisten – nicht vor den Kopf zu stoßen.

Doch diese Zurückhaltung entsprach nicht nur dem taktischen Zweck, sie war mehr als eine Rolle. Daß der Führer der verbotenen kommunistischen Partei der Bundesrepublik menschlich sympathisch wirkt, scheint gleichermaßen sein persönliches Verdienst wie die Folge des Alters und seiner traurigen Situation zu sein. Max Reimann ist heute 67 Jahre, seit zehn Jahren trägt er das bittere Los eines Politikers im Exil. Von seinen Feinden mit Verhaftung bedroht, abhängig von seinen Freunden hat er kaum politischen Spielraum.

Hinzu kommen die besonderen Verhältnisse des geteilten Landes. Wenn der Kommunismus in Deutschland spricht, spricht die SED; und wenn die Bundesrepublik einen deutschen Kommunismus berücksichtigen muß, muß sie die SED berücksichtigen. Die KPD ist ohne Gewicht. Sie lebt von der Hilfe ihrer ostelbischen Genossen, und ihre Chancen hängen ganz und gar von der Politik dieser Genossen ab.

Dieser Sachverhalt wurde im kleinen Konferenzraum des Leipziger Prominentenhotels "Astoria" auch optisch deutlich. Neben Reimann saß dort Erich Glückauf, Mitglied des Politbüros der KPD. Aber das ist nur eine der Funktionen Glückaufs. Zugleich arbeitet er im Zentralkomitee der SED, und dort gehört er auch in Wahrheit hin. Glückauf war nie in der KPD der Bundesrepublik.

Seit 1945 kennt man ihn als KPD- und SED-Funktionär in Mecklenburg, seit 1950 gehört er – mit Unterbrechungen – zu den Leitern der "Westarbeit" des Zentralkomitees der SED. Als er 1961 in die Führung der KPD (Sitz DDR!) kam, wechselte er also nur den Platz, nicht die Tätigkeit. Seine Aufgabe wurde in der Unterhaltung mit Reimann sichtbar. Glückauf sagte nicht viel, aber in seiner Person war die SED gegenwärtig: in der Polemik, auf die Reimann verzichtete, bei der Antwort auf Fragen, die Reimann zu beantworten zögerte.

Selbst bei größtem Bemühen mußte so alles, was der exilierte KP-Chef politisch anzubieten hatte, Stückwerk bleiben. Stückwerk oder Illusion. Im Zentrum seiner Überlegungen stand der Wunsch nach Wiederzulassung der KPD. Er sprach lange von Stimmen und Stimmungen in den drei maßgebenden Parteien der Bundesrepublik, die einer Legalisierung der westdeutschen Kommunisten günstig seien. Er berichtete von Rechtsgutachten und Rechtsmöglichkeiten, die es dem Verfassungsgericht oder gar der Regierung gestatteten, das Verbot aufzuheben. Das Verfassungsgericht habe, so meinte er, seinerzeit der Bundesregierung "den schwarzen Peter" zugescioben, als es eine Revision des KP-Verbots zuließ, falls sich die politische Lage ändere und erste Schritte zur Wiedervereinigung getan würden. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Max Reimann der einzige deutsche Parteiführer ist, der eine Wiedervereinigung heute wie vor zehn Jahren für möglich erklärt. Im übrigen argumentierte er demokratisch und taktisch.