Von Horst Wetterling

Wenn ein Kind nachts aufschreit und zu den Eltern ins Schlafzimmer stürzt, weil sich unter seinem Bett ein Räuber verberge, dann versuchen Vater und Mutter meistens, es dadurch zu beruhigen, daß sie Licht anmachen und ihm den leeren Platz unter dem Bett zeigen. Sie versäumen auch nicht, ihm dabei zu erklären, daß es gar keine Räuber gäbe. Damit ist dem Kinde jedoch nicht geholfen. Seiner Angst ist mit Gründen der Vernunft nicht beizukommen.

Auch die Ermahnung, es solle sich, ist es älter geworden, „gefälligst“ zusammennehmen, fruchtet nichts. Das wird deutlich, sobald sich ein Junge vor den Aufgaben fürchtet, die in der Schule gelöst werden müssen. Appellieren die Eltern an seinen „guten“ Willen oder bringen sie gar die Vorstellung ins Spiel, es schicke sich nicht für einen Jungen, Angst zu haben, so treiben sie ihn womöglich nur noch weiter in jene Erregung, vor der sie ihn gerade bewahren wollen. Unter Umständen ist es dann die Furcht davor, er könne wiederum Angst haben, sobald er aufgerufen wird, welche ihn peinigt.

Kinder werden von mannigfachen Ängsten geplagt, von Ängsten, die dem Erwachsenen absurd vorkommen, von der Angst vor Gespenstern beispielsweise oder davor, daß die Welt untergehe oder sie selbst bei lebendigem Leibe begraben werden könnten. Sie fürchten sich, allein in den Keller zu gehen, sie betteln um ein Licht für das Schlafzimmer und wittern in jeder Ecke des Raumes ein Wesen, das sie bedroht. Einerlei, ob wir die Angst nun – mit Siegmund Freud – als eine Erinnerung an die Erfahrung der Geburt deuten, als das Gefühl somit, aus der Geborgenheit verstoßen zu sein, oder – mit Carl Gustav Jung – als ein Stück des Erbgutes, das aus dem kollektiven Unbewußten herrührt: die Angst ist jedenfalls keine abnorme Erscheinung im Seelenleben eines Kindes.

Dennoch wäre es falsch, sie leichtzunehmen und zu meinen, das Kind werde schon allein damit fertig. Angst zerstört allemal den Lebensmut, beeinträchtigt immer die Selbstsicherheit und lähmt den Willen, die Welt zu erobern und zu entdecken. Es hängt von der Spannkraft des Kindes ab, auf welche Weise es seine Ängste beantwortet, wenn Vater und Mutter ihm nicht helfen. Während ein Kind mit gleichsam größerer Windstärke seine Angst durch Kraftmeierei und lautes Angeben zu übertönen, ja auszugleichen trachtet, versinkt ein Kind, dessen vitale Energie, geringer ist, in Mutlosigkeit und in dem Wunsch, es möge wie in der frühen Kindheit umsorgt und behütet werden. Beide Male wird eine produktive Überwindung der Angst geradezu vereitelt. Weder die Kompensation (des „Trotzigen“) noch die Resignation (des „Braven“) führen dorthin, wohin jedes Kind einmal gelangen muß: in die Sicherheit und Verantwortlichkeit des Erwachsenen.

Und so gibt es denn auch Heranwachsende und Erwachsene genug, denen auf der Stirn geschrieben steht, daß sie während der Kindheit mit ihrer Angst allein gelassen wurden: die Flegeleien der „Halbstarken“ und die anmaßende Gespreiztheit mancher Männer, vornehmlich in „gehobenen Positionen“, sind dafür ebenso bezeichnende Symptome wie die Quälsucht mancher Frauen, die Mitleid und Rücksicht heischen, um zu herrschen.

Obwohl jedermann weiß, was Angst bewirken kann, gibt es dumme Eltern, die meinen, daß sie ihrem Kind mit dem „bösen Mann“, mit dem Polizisten oder gar mit dem Lehrer, drohen, ihm also Angst einflößen müßten, um es „zur Raison zu bringen“. Oft halten sie eine solche Drohung sogar für eine erzieherische Maßnahme, weil sie fürchten, ein Kind könne „übermütig“ werden. Und stets sind sie mit dem Ergebnis zufrieden: Das Kind ißt ja gehorsam seinen Haferbrei, schluckt willig den Lebertran, sagt kein Wort mehr, wenn es ins Bett gehen soll und denkt nicht mehr daran, über die Straße zu laufen.