Vergegenwärtigt man sich die ungeheuren Zumutungen des Virtuosendaseins: die Gefahr der Verkrampfung, Erstarrung, Verfestigung, Schwächung, routinierter Wiederholung, dann ist das Spiel des 1889 geborenen, auch im achten Jahrzehnt seines Lebens unaufhörlich konzertierenden Artur Rubinstein ein Wunder.

Wunderbar, erstaunlich, unbegreiflich mutet nicht bloß die technische Klarheit seines Spiels an, die rührende, in langsamen Sätzen herzbewegende Erlauchtheit seiner Phrasierung, das stürmische Temperament seiner Ausbrüche. Das alles wiegt viel, will erobert, bewahrt und lebendig gehalten sein; doch es gibt auf der Welt durchaus einige Pianisten, die mit dem Virtuosen Rubinstein konkurrieren oder sich mit dem Klavierpoeten Rubinstein vergleichen können.

Ein Wunder ist hingegen, daß Rubinstein sich dies alles zu eigen machte, mit grandiosem Kunstverstand zu verwalten weiß – und dabei Glück verbreitet.

Für Rubinstein, der von sich selbst sagt, er sei im tiefsten Herzen ein Zigeuner geblieben, dem Musik im Blut liegt – für diesen Rubinstein scheint Klavierspielen eine Form des Atmens, des Sich-wohl-Fühlens zu sein. Er ist ein altmodischer Pianist, einer jener langsam aussterbenden Titanen aus dem 19. Jahrhundert. Sein Ton – delikat, voll und süß – kennt nicht den Zweifel an sich selbst. Auch da, wo Rubinstein „Halbschatten und Heimlichkeiten“ beschwören möchte, beschwört er zugleich Fülle einer ungebrochenen Persönlichkeit.

So groß sein Ruhm und seine Beliebtheit beim Publikum aller Erdteile auch sein mögen: hat man ihn mehrfach gehört und seine Platten gesammelt, dann spürt man, daß dieser ewig sich ändernde, reife Musiker trotz allem keineswegs als praeceptor musicae stilbildend sein will, den Nachwuchs bedrückend und verdrängend. Aus seinem Spiel weht die Luft der Freude und der Freiheit, sein Ton gehört ihm – nirgendwo erhebt er schulmeisterlich den Anspruch, so müsse es gemacht werden. Pianistische Selbstdarstellung höchsten und selbstsichersten Grades schlägt nicht in Sektenbildung um, wie etwa bei Horowitz, den viele junge amerikanische Virtuosen nachzuahmen versuchen. Rubinstein „lastet“ auf niemandem.

Rubinstein wurde in Lodz geboren, wuchs in Deutschland auf, war Wunderkind, Schützling von Joseph Joachim – und hielt es plötzlich nicht mehr in Berlin und an der Berliner Akademie aus, sondern floh nach Paris.

Dort kam er ein wenig unter die Räder. „Paul Dukas rettete mich“, so erzählt Rubinstein, „indem er mir sagte: ‚Amüsieren Sie sich, so viel Sie wollen, aber vergeuden Sie sich nicht. Paris ist nichts für Sie. Fahren Sie nach Polen zurück, sorgen Sie dafür, körperlich und moralisch wieder gesund zu werden, trinken Sie Milch, reiten Sie, schlafen Sie zur rechten Zeit, kurzum, werden Sie ein rechtschaffener Mensch.’ Dies war“, so führt Rubinstein in seiner lustigen Beichte fort, „ein guter Rat, und das beste daran – ich habe ihn befolgt.“