Von Richard Schmid

Im Dezember 1941 hatte Thomas Mann, der damals in seinem neuerbauten Landhaus in Pacific Palisades bei Hollywood lebte, einen heftigen Verdruß. Das Magazin „The New Yorker“ hatte den ersten Teil einer Arbeit über ihn gebracht, ein sogenanntes „profile“, ein Porträt unter der Überschrift „Goethe in Hollywood“. Verfasserin war eine Dame namens Janet Flanner. Es sei, schreibt Thomas Mann an seine verehrte und ihn verehrende Freundin Agnes E. Meyer in Washington, ein nichtsnutziges Machwerk, frech und langweilig zugleich. Man erkennt aus einigen seiner weiteren Bemerkungen, daß es eher der Ton und der Stil der Darstellung war, über die er sich ärgerte; denn die faktischen Irrtümer, die er beanstandet, sind belanglos. Als er daran erinnert wird, daß die Verfasserin gar noch, um ihn kennenzulernen, einmal bei ihm geluncht habe, ist er vollends erbost. Er schreibt dazu: „Jedenfalls habe ich mich so monströs höflich, steif und zugeknöpft verhalten, wie sie mich schildert. Zu bereuen habe ich davon nur die Höflichkeit.“

Man merkt nun genauer, worüber er sich geärgert hat: Darüber, daß er, der große Ironiker, selber aus einer sachlich-ironischen Perspektive betrachtet worden war. Der Ärger ist wieder verflogen, als er feststellte, daß ihm gewogene und befreundete Leser des Artikels ganz anders darüber dachten und daß in Amerika – im Unterschied zu Deutschland – der Humor auch beim Betroffenen selbst vorausgesetzt wird. Am 10. Januar 1942, als auch die Fortsetzung erschienen war, schreibt er: „Mit dem ‚New Yorker’-Klatsch ist es mir sonderbar ergangen. Anfangs hat er mich sehr geärgert, und ich war empört über die Treulosigkeit der Person, aber dann habe ich von immer mehr Amerikanern gehört, daß man den Artikel lustig und vortrefflich finde, und daß er eben doch, schon durch seinen Umfang, aber auch sonst, nichts weiter als eine Huldigung darstelle. Diese Auffassung ist mir zwar schwer verständlich, aber offenbar sieht die Sache mit amerikanischen Augen gesehen ganz anders aus, als sie mir erschien, und so habe ich mich beruhigt.“

Der „New Yorker“ wird in diesem Briefwechsel als „Witzblatt“ bezeichnet, was nur in Deutschland einen abwertenden Sinn hat; anderswo gibt es allerdings kein genau entsprechendes Wort dafür. Man muß gegen diese Bezeichnung des „New Yorker“ protestieren, obwohl es wahrhaftig nicht gegen ein Blatt spricht, wenn es witzig ist. Im Angelsächsischen und übrigens noch in dem Deutsch Lessings und Goethes ist Witz gleich Geist. In diesem Sinne stimmt die Bezeichnung denn auch: Der „New Yorker“ ist, soweit mein Horizont reicht, das geistvollste Blatt seiner Gattung.

Genaugenommen ist der „New Yorker“ allerdings nicht das Exemplar einer Gattung, sondern ein wahres Original unter den Zeitschriften. In einem Pressehandbuch wäre er etwa so zu beschreiben: Wochenschrift, die keine Nachrichten, dagegen Artikel und Glossen berichtenden und kritischen Inhalts über Politik, Wirtschaft, Kunst, Theater, Literatur, Musik, Sport und über allgemein kulturelle Angelegenheiten bringt, unter besonderer Pflege der humoristischen und satirischen Karikatur (cartoon). – Er selber nennt sich „magazine“.

Um eine konkretere Vorstellung von ihm zu geben, soll mit einigen seiner äußerlichen Besonderheiten begonnen werden – scheinbar äußerlichen, denn man wird schließlich erkennen, daß sich in diesen Äußerlichkeiten seine innere Beschaffenheit kundtut.

Erstens: Er bringt im redaktionellen Teil keine Photographien irgendwelcher Art, auch keine photographischen Porträts der Personen, mit denen er sich beschäftigt. Vor den „profiles“ zum Beispiel, den Arbeiten über Berühmtheiten oder sonst bemerkenswerte Persönlichkeiten, bringt er nur ein paar das Gesicht oder die Gestalt andeutende Striche von einem seiner meisterhaften Zeichner. Das steht in auffälligem Gegensatz zu den den Text umgebenden Inseraten, in denen die Photographie, und zwar die allerraffinierteste Photographie vorherrscht. Davon wird noch zu sprechen sein.