Die Welt ist gegenwärtig Zeuge eines spannenden militärischen Experiments: Die größte Luft- und Seemacht, die USA, versucht einen störrischen kleinen asiatischen Staat, Nordvietnam, durch Bombenkrieg zur Einsicht zu bringen. Je nachdem, wie sich der Delinquent verhält, werden die Daumenschrauben angezogen oder wieder gelockert.

Bisher wurden Kasernen, Munitionslager und Kriegshäfen zerbombt; wenn das nicht genügt, werden wahrscheinlich Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien zertrümmert. Sollte auch das noch nicht reichen, kommen Fabriken, Hochöfen und Raffinerien dran.

Es ist eine große Zeit für die Theoretiker des Luftkrieges und die Bombergenerale. Einige möchten, wie weiland MacArthur, den Krieg auch nach China hineintragen. Lohnendes Angriffsziel wären zum Beispiel die Atomversuchsanlagen in Sinkiang. „China entnuklearisieren“ heißt das neue Schlagwort.

In Deutschland freilich wird man den Optimismus der amerikanischen Bombergenerale nicht ohne weiteres teilen. Bei uns zulande hat man es noch nicht vergessen, wie wenig der Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg die Kampfmoral eines Volkes zu erschüttern vermochte. Die deutsche Rüstungsproduktion erreichte ihren höchsten Stand zur Zeit der schwersten Luftangriffe. Militärisch wirksam wurde der Luftkrieg erst, als Versorgungslinien und Treibstoffwerke systematisch lahmgelegt wurden. Im Gegensatz zu Deutschland aber ist Nordvietnam kein hochindustrialisiertes, von modernen Auto- und Eisenbahnen erschlossenes Land. Im Dschungel kann Luftmacht nur begrenzte Erfolge haben. Selbst in Korea haben die Amerikaner trotz ihrer Luftüberlegenheit den Nachschub für die Chinesen nicht unterbinden können.

In Washington weiß man natürlich auch, daß Bomber, Düsenjäger und Flugzeugträger den Krieg in Südostasien nicht gewinnen können. Aber sie sollen den „Aggressor“, in diesem Falle Nordvietnam, so sehr in seiner materiellen Substanz schwächen, daß er seine Angriffshandlungen (in Südvietnam) unterlassen muß. Ho Tschiminh soll keineswegs zur Kapitulation oder zu einem Waffenstillstand genötigt werden. Es genügt den USA schon, wenn der Partisanenkrieg in Südvietnam allmählich aufhört, sozusagen von Nordvietnam her ausgetrocknet wird. Dann wollen sie über einen für beide Seiten ehrenhaften Frieden verhandeln.

Dieses klare Konzept entbehrt nicht einer gewissen Kühnheit. Zwei gefährliche Risiken mußte Präsident Johnson einkalkulieren: erstens das Eingreifen starker chinesischer Landstreitkräfte wie seinerzeit in Korea und zweitens den Einsatz sowjetischer Raketen, Düsenjäger und U-Boote. Aber trotz der blumenreichen Tiraden aus Peking („Schulden sind Schulden. Wenn sie sich anhäufen, müssen sie mit Zinsen zurückgezahlt werden“) wurde bisher noch kein chinesischer Soldat in Vietnam angetroffen. Schon im Januar hatte Mao Tse-tung dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow versichert, die Chinesen würden nur dann gegen die Amerikaner kämpfen, wenn man ihr Territorium angreife. Offensichtlich sind sie überzeugt, daß der Partisanenkrieg in Südvietnam aus sich selber leben kann. Solange China nicht zurückschlägt, kann es mit der Parole vom vietnamesischen „Befreiungskampf“ gegen die amerikanischen „Imperialisten“ trefflich streiten. Besonders gilt das für die im Juni geplante afroasiatische Konferenz in Algier, auf der sich China als der einzig verläßliche Beschützer der vietnamesischen Freiheit aufspielen könnte.

Es ist überhaupt fraglich, ob den Interessen Chinas gedient wäre, wenn Mao seine Massenheere in den vietnamesischen Dschungel schickte. Er würde damit doch nur den Amerikanern eine Handhabe geben, ihrerseits ein paar Hundeittausend Mann zu landen, die dann die Grenze am 17. Breitengrad hermetisch abriegeln könnten. Bestenfalls hätte Mao also den koreanischen Zustand erreicht: der Norden wie bisher kommunistisch, der Süden unter amerikanischem Schutz. Die Infiltrationstechnik des Guerillakrieges und die psychologische Kriegsführung mit ihren werbewirksamen Parolen („Gelb gegen Weiß, Arm gegen Reich, Freiheitskämpfer gegen Unterdrücker“) verspricht größere Erfolge als plumpes militärisches Vorgehen.