Wunsiedel? Der Zugschaffner, mit dem ich die Strecke von Heidelberg nach Würzburg zurücklege, hat den Namen dieses Ortes noch nie gehört; er spricht ihn wie ein Fremdwort aus, vorsichtig, gedehnt. Schließlich zieht er eine Landkarte aus der Tasche und stellt nach längerem Suchen fest: Würzburg, Nürnberg, Bayreuth – Wunsiedel!

Da liegt das Städtchen, inmitten eines weiten Beckens, von Feldern, Wiesen und Wäldern umgeben, durch die blaue Silhouette des Fichtelgebirges, das sich nach Osten hin öffnet, hufeisenförmig begrenzt.

Der Name Wunsiedel klingt so freundlich, daß der Besucher unwillkürlich erwartet, ein Stadtbild voller Kuriositäten anzutreffen. Aber aus der Nähe betrachtet, bietet Wunsiedel seinem forschenden Blick zunächst nichts Außergewöhnliches an; kein romanischer Kirchturm schmückt seine Giebel, kein barockes Lustschloß krönt seine Anhöhen, kaum ein Fachwerkhaus belebt seine Straßen, und die mittelalterliche Stadtbefestigung ist bis auf wenige Reste verschwunden. Zu viele Brände haben in der Vergangenheit dieses Städtchen heimgesucht und es kunsthistorischer Kostbarkeiten beraubt.

Wann Wunsiedel entstanden ist, weiß man nicht genau. Da gab es einmal eine Burg, die längst verschwunden ist; und 1163 taucht in einer Bamberger Urkunde ein Albertus de Wonsidele auf. Aber fragt man einen Germanisten, ob er Wunsiedel kenne, so erhält man, wenn man Glück hat, die lapidare Antwort: Jean Paul. Ein Burschenschafter wird dieselbe Frage mit: Karl Sand beantworten. Und ein Schauspieler erwidert: Luisenburg-Festspiele.

Heute strömen in den ruhigen Ort, der mit der Bahn nur umständlich, per Auto aber (über die technisch hervorragende Fichtelgebirgsstraße, die Wunsiedel mit Bayreuth verbindet) bequem zu erreichen ist, alljährlich im Sommer Hunderttausende. Wunsiedels alter Stadtkern hat im 20. Jahrhundert kaum Veränderungen erfahren. Der Zweite Weltkrieg ist an diesem Ort vorübergegangen, ohne Zerstörung zu hinterlassen, wenn auch nicht spurlos. Nach dem Zusammenbruch mußte für 3000 Flüchtlinge, die vorwiegend aus dem Sudetenland und aus Schlesien kamen, Arbeit und Unterkunft geschaffen werden. Die Stadt weitete sich aus, Arbeitersiedlungen entstanden. Dieses neue Wunsiedel, meist von Flüchtlingen erbaut, besteht aus lauter kleinen Einfamilienhäusern, jedes mit Gärtchen und Fernsehantenne ausgestattet und mit einem Auto versehen, das nur in Ausnahmefällen ein armseliger Volkswagen ist.

„Ich bin gern in dir geboren, Städtchen am langen, hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen! Ich bin gern in dir geboren, kleine, aber gute, lichte Stadt.“ Diese Worte findet man in jedem Werbeprospekt Wunsiedels zitiert, denn Jean Paul, der hier am 21. März 1763 als Sohn eines Hilfsgeistlichen, Organisten, Kantors und Lehrers im alten Schulhaus hinter der Stadtkirche geboren wurde, hat sie seiner Geburtsstadt in liebevoller Reverenz geschenkt.

Die Heimatstadt dieses Romanciers, den man zu den exemplarischen Vertretern einer kanonisch gültigen Weltliteratur rechnet, ist Wunsiedel jedoch, zum Kummer seiner Stadtväter, nie gewesen; schon zwei Jahre nach Jean Pauls Geburt wurde sein Vater Prediger im Dorf Joditz an der Saale und verließ mit seiner Familie Wunsiedel. Nicht das Städtchen Wunsiedel ist der Ort, an dem sich Jean Pauls – im Roman immer wieder beschworene – Kindheitsmythen entwickelt haben. Mit dem Fichtelgebirge aber ist sein Leben und sein Werk eng verknüpft. Im heutigen Wunsiedel erinnern an den Dichter das (total renovierte) Geburtshaus, ein nach ihm benannter Platz nebst Brunnen und klassizistischem Denkmal, letzteres von Schwanthalers Meisterhand, die Jean-Paul-Drogerie und ein spätbarocker Jean-Paul-Raum mit Dichterreliquien im Fichtelgebirgs-Museum. Was das geistige Nachleben Jean Pauls in Wunsiedel angeht, so darf ich mich auf die Aussage eines hiesigen Buchhändlers berufen, der mir versicherte, daß er die sechsbändige Werkausgabe des Dichters, die 1959 im Hanser Verlag erschienen ist, nicht ein einziges Mal verkaufen konnte.