Von Wolfgang Paul

Ostern werden die Westberliner wieder die Möglichkeit haben, ihre Verwandten im östlichen Teil der Stadt zu besuchen. Sie werden dann vielleicht auch einen Spaziergang durch das alte Berlin machen, dessen preußischer Charakter wieder geweckt zu werden scheint.

Wer heute aus der Marienkirche im Herzen Berlins tritt, um sich, über die Distanz eines noch unbebauten Geländes, mit der Fassade des pompösen Doms konfrontiert zu sehen, wird auf der Liebknechtstraße rasch zur Spree gehen, um den Anschluß an das Berlin seiner Erinnerung wiederzufinden. Hinter ihm ragt der schlanke, hohe Turm der Marienkirche in den verschleierten Vorfrühlingshimmel, der so barmherzig die Wunden verdeckt: Das alte Berlin der Destillen, der Speicher, der zerfallenden Bürgerhäuser ist nicht mehr; nur der Turm der Marienkirche zeigt noch den Platz an, auf dem es einmal, hinunter zur Spree, Wirklichkeit war.

Dafür ist nun das Rathaus der Hauptstadt mächtiger geworden durch die freie Fläche vor ihm; es wirkt nicht mehr eingefügt in Wohn- und Geschäftshäuser, sondern spätgotisch-monumental erdacht, aber doch durch die alten Kandelaber mit den traubenförmigen Leuchten vor der Vorderfront altbürgerlich: Man hat keine kalten Peitschenleuchten hier gepflanzt, sondern fast gemütliche, warme Beleuchtungseffekte angestrebt.

Auf der Brücke über die Spree erscheint nun der Dom wie ein riesiges Wrack, das hier gestrandet liegt. Als der Dom gebaut worden, war, so erinnern wir uns, wurde die „Verstümmelung Berlins“ durch ihn und die marmornen Denkmäler der letzten Epoche beklagt. Ein ausländischer Künstler sagte: „Vous n’avez pas besoin d’un prince batisseur, mais d’un prince demoliseur!“

Wie gering wirkt heute dieser Ausspruch angesichts der ungeheuerlichen Demolierung durch Krieg und Nachkrieg, die hier stattfand. Da wird das Wrack des Domes fast liebenswert, obwohl es schwerfällt, dieses Gebäude nun plötzlich zu lieben ...

Die Spree ist hier leer, ein kahler Fluß, kaum befahren von Kähnen und Booten, ein graues Wasser, das die Museumsinsel umfließt.’ Der Lustgarten hat nun fast etwas Intimes erhalten, setzt man ihn in Kontrast zum Aufmarschgelände des Marx-Engels-Platzes. Nie hätten wir geglaubt, daß uns dieser Eindruck rihren würde: Der Lustgarten als verwildertes, nun fast klein wirkendes Forum mit dem Alten Museum im Zentrum, dem Domwrack zur Seite, dem Spreekanal als offenes „Glacis“, das nun den Blick auf die Zeughausfassade lenkt. Dieser Eindruck entsteht aus dem Kontrast, den der Aufmarschplatz mit der weißen Tribüne vermittelt. Das Schloß könnte hier noch stehen; es wäre wohl heute das Staatsratsgebäude. Nun hat die glatte Fassade des neuen repräsentativen Amtssitzes das Eosanderportal des Schlosses aufgenommen: Vor ihm stehen die Wachtposten auf erhöhtem Podest, das Portal überragt sie machtvoll. Dieses Staatsratsgebäude mit der Fahne auf dem Dach und dem Staatsemblem in der gläsernen Eingangstür flankiert das, was unsere Erinnerung vom Schloß hier auf den Platz wieder stellen will, aber es fällt schwer, das Schloß zu rekonstruieren. Die Zeit hat dem Gedächtnis schon ihren Streich gespielt; es läßt nach.