Von Nina Grunenberg

Man kennt sie nicht. Wenn man sie sieht, weiß man nicht, wen man vor sich hat. Sie sehen smart aus, mit einem Stich ins Konservative. Ihre Bedeutung liegt nicht auf dem Tablett. Sie bleiben lieber im Hintergrund. Meist sind sie verheiratet. Ihre Frauen glänzen an ihrer Statt. Der Volksmund nennt sie: Manager.

Einen von ihnen lernte ich auf einer Reise kennen. Ich war verblüfft: Denn es war eine Perle von erster Qualität, eine, auf die man beißen kann.

Ich traf ihn in einem Flughafen-Restaurant. Wir warteten am selben Tisch aufs gleiche Flugzeug. Jedesmal, wenn der Start unserer Maschine wieder aufgeschoben wurde, zog er die Flugpläne der europäischen Linien aus der Brusttasche und suchte mir neue Anschlüsse heraus. Mit Angabe hatte das nichts zu tun, er zog sie ganz selbstverständlich hervor, so wie andere Männer die Photos ihrer Kinder. „Ich bin die Hälfte des Jahres unterwegs“, sagte er beiläufig. Er führt Verhandlungen für ein großes Industriewerk, und ihm steht der Titel Direktor zu. „Eigentlich hätte ich es gar nicht mehr nötig“, sagte er mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. „Aber was soll man sonst tun.“ Und als ich gläubig fragte, ob er zu jener Führungs-Schicht gehöre, aus der Generaldirektoren gemacht werden, sagte er etwas unwirsch: „Was sind schon Titel! Wer nennt sich schon alles Generaldirektor! Ich bin zufrieden mit dem, was ich mache. Mehr will ich nicht.“ Und er setzte hinzu: „Es ist wichtig, daß man den Wert der eigenen Person richtig einzuschätzen lernt. Sonst arbeitet man vor sich hin und weiß eigentlich gar nicht, was die anderen von einem denken.“

Warum er die Unterhaltung mit mir angefangen hatte? Er beantwortete sich die Frage selber: „Ich bin gierig darauf, neue Menschen kennenzulernen. Hören Sie“, sagte er mit Nachdruck, „das ist ganz wichtig: Wenn die Neugierde weg ist, ist man schon halb gestorben.“

Wir warteten zwei Stunden und flogen eine Stunde: Wenn ich es richtig anstelle, kann mir das, was ich in dieser Zeit von meiner Reisebekanntschaft lerne, im Kampf ums Dasein womöglich ebenso helfen wie meine Schulbildung, vielleicht mehr. Es war ein Katalog von Erfolgsrezepten.

  • Regel eins: Die Kunst der Verhandlung. „Gut vorbereitet ’reingehen. Alles über den Partner wissen. Intimsphäre interessiert mich nicht, aber alles andere. Ich setze mich nicht mit fremden Leuten zur Verhandlung hin. Da ist man schon im Nachteil. Wenn das aber mal passiert, dann langsame Vorwärtsbewegung. Der Angriff ist immer die beste Verteidigung. Dann kommt ein Punkt, da stockt die Verhandlung. Sie wollen oder können Ihre Position nicht aufgeben. Es wird kitzlig. Manchmal stehe ich dann auf, spiele den wilden-Mann und verlasse den Raum. Natürlich nicht .. im Ernst. Sie. müssen Schauspieler sein, aber nicht von der Schmiere. Sonst merkt man’s. Im Hotel erwarte ich dann den Anruf der Gegner. Denn das ist doch klar: Ohne Absicherung können Sie natürlich nicht ’rausgehen. Bei der Konferenz müssen Sie jemanden sitzen haben, der Sie über die Lage auf dem laufenden hält.“
  • Regel zwei: Umgang mit Menschen. „Es nützt Ihnen gar nichts, die Menschen zu verstehen oder sie zu analysieren, Sie müssen sich ihrer bemächtigen, sie sind Gegenstand Ihres Handelns. Von meinen Mitarbeitern verlange ich, daß sie mir einen komplizierten Sachverhalt kurz und einfach servieren. Ich will keinen Brei, sondern nur den Bouillonwürfel.“
  • Regel drei: Die Kunst der Vermögensbildung. Wie man das macht, las ich an ihm selbst ab. Er schien, wie reiche Leute oft, bescheiden zu leben. Den Schmuck, den er seiner Frau schenkt, kauft er im Großhandel. „So was muß man an der Hand haben.“ Außerdem: „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, und das andere, Sie wissen schon, mache ich auch nicht. Zu teuer. Mir langt die eine Frau. Das ist meine teuerste Ausgabe: Alle paar Jahre einen anderen Pelz. Liebling, mein Nerz ist schon vergilbt, und so weiter.“ Der Mann sparte nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Unternehmen: Er reiste Touristenklasse. „Erste Klasse – das ist ’rausgeschmissenes Geld. Sie bekommen einen Drink mehr – sonst nichts.“ Aber es war komisch: Eine Perle landet zu guter Letzt doch dort, wohin sie gehört. Als wir in das Flugzeug einsteigen wollen, nahm der Steward den Herrn beiseite, deutete diskret auf mich und flüsterte: „Sie reisen doch zusammen? Würde es Ihnen etwas ausmachen, in der ersten Klasse zu fliegen? Dort sind noch zwei Plätze frei, und die Touristenklasse ist überbesetzt ...“ Auf diese Weise erhielten wir ein Glas Erste-Klasse-Sekt zum Mittagessen, und meine Reisebekanntschaft weihte mich ein in die
  • vierte Regel: Wie beherrsche ich die Liebe. „Am besten lassen Sie die Finger davon“, sagte er. „Denn das ist wirklich ein schwieriges Problem. Kürzlich las ich einmal: Liebe bedeutet Unterwerfung, Sex ist Vergnügen. Daran können Sie sich halten. Bei mir ist es schon zu spät. Manchmal, wenn es ganz schlimm wird, sage ich meiner Frau höchstens: ‚Liebes Kind, überleg mal, wie das wäre, wenn ich dich behandelte wie du mich.‘ Das hält ein paar Tage vor, und dann sind Sie wieder unterworfen.“