„Weil ich mit meinem eigenen Kopf dachte...” / Von Ulrich Schiller

Belgrad, im März

In Jugoslawien steht ein politischer Prozeß vor der Tür, bei dem die Partei Titos allein in den Augen Moskaus gewinnen kann. Der Autor des Reiseberichtes „Moskauer Sommer 1964“, der junge Slawist und Experte für russische Literatur Mihajlo Mihajlov sitzt seit Donnerstag voriger Woche hinter den Mauern des Untersuchungsgefängnisses von Zadar. Wahrscheinlich wird er mit dem Vorwurf konfrontiert werden, das Ansehen eines fremden Staates herabgewürdigt zu haben. Nur der Paragraph 175 des jugoslawischen Strafgesetzbuches, der eben diesen Tatbestand unter Strafe stellt, gibt den Häschern Mihajlovs die Möglichkeit, den Schein einer rechtlichen Behandlung seines Falles aufrechtzuerhalten und nicht offen in die Methoden der politischen Strafjustiz zurückzufallen.

Der 31jährige Assistent an der Universität Zadar, Sohn russischer Eltern, hatte sich im Sommer 1964 im Rahmen eines offiziellen Austauschprogramms einen Monat lang in Moskau aufgehalten und es sich zur Aufgabe gemacht, den Stand der sowjetischen Literatur genau zu erforschen. Er hat Dichter, Schriftsteller, Kritiker und Essayisten aller Altersstufen und aller Richtungen besucht, die ganz berühmten, die verschmähten und die Sonderlinge, er hatte – wie er dann später schrieb – das seltene Glück, wohl als erster Mensch etwa zwanzig in den Straflagern Stalins entstandene Lieder auf Magnetophonband aufzunehmen und sie nach Jugoslawien mitzubringen.

Tito: „Ein Reaktionär“

Zu Hause setzte er sich hin und schrieb den sowohl wegen seiner erfrischenden Offenheit als auch wegen des Reichtums an Beobachtung überraschenden Bericht nieder, den er anspruchslos „Moskauer Sommer 1964“ nannte und in der Literaturzeitschrift „Delo“ veröffentlichte. Offenbar war er sich der Tragweite mancher seiner leichthin skizzierten Schlußfolgerungen nicht immer bewußt, beispielsweise wenn er berichtet, man habe in der Sowjetunion sogar schon damit begonnen, sich literarisch mit den Kosaken und dem Problem ihrer antisowjetischen Wlassow-Armee zu befassen, und wenn Mihajlov dann konstatiert:

„Hiermit im Zusammenhang steht auch das Problem der Partisanenbewegungen im besetzten Gebiet, die zugleich gegen die Deutschen und gegen die Rote Armee kämpften und die die sogenannte ‚Dritte Kraft‘ darstellten. Zweifellos muß in kürzester Zeit der gesamte historische Komplex des Zweiten Weltkrieges einer grundlegenden Revision unterzogen werden. In bezug auf das Wirken Stalins in der Armee ist hiermit schon begonnen worden.“