Schon Kaiser Wilhelm mußte Zuschuß zahlen

Es bedarf schon des geschulten Auges eines alten Fahrensmannes, um zu bemerken, daß die Schiffe, deren hohe Decksaufbauten da stolz und majestätisch über die grünen Weiden Schleswig-Holsteins zu gleiten scheinen, langsamer fahren als sonst. Statt, der üblichen 12 Kilometer pro Stunde dürfen die großen Pötte auf der schmalen Wasserstraße zwischen Brunsbüttelkoog und Kiel streckenweise nur noch zehn Kilometer in der Stunde fahren. Der Nord-Ostsee-Kanal ist altersschwach und krank.

Als der Kanal vor 70 Jahren, 1895, fertig war, wurde er auf den Namen „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ getauft. In der internationalen Schifffahrtssprache hat sich dagegen für die 98,7 Kilometer lange Wasserstraße die Bezeichnung Kiel-Kanal“ eingebürgert. Seit seinem Bestehen ist er einmal, im Jahre 1914, erweitert worden. Wenn von den Wasserstraßen der Welt die Rede ist, wird er gern in einem Atemzug mit dem Suez-Kanal und dem Panama-Kanal genannt.

Tatsächlich ist der Nord-Ostsee-Kanal die meistbefahrene Wasserstraße der Welt. Mit seiner Kapazität für Schiffe bis zu höchstens 25 000 Tonnen Tragfähigkeit wird er jedoch in Zukunft in erster Linie ein Wasserweg für die europäische Küstenschiffahrt sein. Daran ändert auch die programmatische Erklärung nichts, die Bundesverkehrsminister Seebohm 1953 abgab: „Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Regierung wird alles tun, was in ihren Kräften steht, um der internationalen Schiffahrt den schnellen, bequemen und sicheren Verkehrsweg zu bieten, dessen sie für den Verkehr zwischen den Häfen der Ostsee, der Nordsee und den überseeischen Hafenplätzen bedarf.“

Gebaut, um den Schiffen den oft gefährlicheren Weg um die Nordspitze Dänemarks, um Kap Skagen, zu ersparen, kürzt der Kanal die Fahrt von Hamburg zur Südspitze Schwedens um 425 Seemeilen ab. Von Edinburg oder dem englischen Kanal beträgt die Ersparnis gar nur 84 beziehungsweise 239 Seemeilen. Verglichen mit den 5500 Seemeilen, die ein Schiff auf der Fahrt von London nach Bombay durch die . Suez-Passage einspart, oder den 11 800 Seemeilen, um die sich die Fahrt von Hamburg und San Franz von durch den Panama-Kanal verkürzt, fallen ciese Einsparungen im Kalkül der internationalen Schiffahrt natürlich nicht so sehr ins Gewicht.

Ein Kanal bringt das ein, „what the traffic will bear“, wie der Fachmann sagt, was der Verkehr also trägt. Je mehr Brennstoff und je mehr Reisetage ein Reeder einsparen kann, desto höhere Kanalkosten kann die Schiffahrt tragen. So ist der 1869 fertiggestellte Suez-Kanal, dessen 500-Francs-Aktien 1875 an der Börse gerade mit 272 notiert wurden, eines der glänzensten Geschäfte geworden. 1954, also kurz vor der Verstaatlichung durch die ägyptische Regierung, wurden pro Aktie 3700 Prozent Dividende ausgeschüttet. Hauptnutznießer war damals die britische Admiralität, die es verstanden hatte, den größten Teil der Aktien in ihren Besitz zu bringen.

Heute rechnet die ägyptische Verwaltung mit Jahreseinnahmen von rund 750 Millionen Mark, von denen der Nasser-Regierung nach Abzug der Kosten noch immer etwa 500 Millionen verbleiben.