„Der wahre Held dieses Kampfes ist der amerikanische Neger“, rief Präsident Lyndon Johnson am Montag vor dem Kongreß aus. „Seine Aktionen und Proteste, sein Mut, Sicherheit und Leben zu riskieren, haben das Gewissen der Nation wachgerüttelt.“

Aufgerüttelt wurde die amerikanische Nation am Wochenende durch den Schock von Selma. In dieser Stadt im Südstaat Alabama, den sich Negerführer Martin Luther King zum Schauplatz der Demonstrationen für das gleiche Wahlrecht erkoren hatte, wurde der 38jährige weiße Pastor James Reeb aus Boston von negerfeindlichen Rassefanatikern zu Tode geprügelt. Der Gouverneur des Staates, Wallace, erhielt nach der Todesnachricht von seinem Kollegen aus Alaska, Gouverneur Egan, folgendes Telegramm: „Aus der Tiefe meines Herzens halte ich Sie, George Wallace, noch mehr für schuldig als jene, die tatsächlich die Mordwaffen gegen Reeb geschwungen haben.“

Wallace ließ am Dienstag abermals demonstrierende Bürgerrechtler von seiner Polizei zusammenschlagen oder niederreiten. Inzwischen ersuchte Bundesjustizminister Katzenbach das Bundesgericht in Montgomery, dem Gouverneur die Einmischung in friedliche Demonstrationen der Neger zu untersagen.

Die blutigen Zwischenfälle in Selma fanden ihren Widerhall quer durch die Staaten. Tausende von Weißen und Farbigen demonstrierten in den Großstädten für das Wahlrecht der Neger. Sogar Jazztrompeter Louis Armstreng gab seine Zurückhaltung auf und verurteilte das Vorgehen der Polizei in Selma: „Sie würden auch Jesus prügeln, wenn er schwarze Hautfarbe hätte und itmarschierte.“

Zum erstenmal in der Geschichte wurde in den Korridoren des Weißen Hauses ein Sitzstreik inszeniert. Neun farbige und drei weiße Jugendliche, die sich dort niederließen und Lieder sangen, wurden erst nach sieben Stunden von Polizisten fortgetragen. Die Demonstrationen trieben Administration und Parlament in Washington zur Eile an. So schnell wie möglich will der Kongreß das neue Wahlrechtsgesetz verabschieden, das Johnson ihm am Mittwoch vorlegte. In allen Staaten, wo sich bisher weniger als 50 Prozent der Wahlberechtigten eintragen lassen konnten oder wo die Neger bei der Registrierung schikanösen Tests unterworfen wurden, werden künftig Bundesbeamte als Registratoren tätig sein.