Von Wolfgang Kasack

Mit großer Selbstverständlichkeit fahren heute deutsche Professoren, Assistenten und Studenten für einige Tage oder für einige Monate zu wissenschaftlicher Arbeit in das westliche Ausland. Stipendien fördern diesen Kontakt, der die Internationalität der Wissenschaft veranschaulicht.

Anders sehen die wissenschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion aus. Die Engstirnigkeit der stalinistischen Führung hatte die sowjetischen Wissenschaftler fast vollständig vom Ausland isoliert, bis dann einige Jahre nach dem Tode des Diktators allmählich die ersten Kontakte zum Westen im Rahmen der zwischenstaatlichen Kulturabkommen geknüpft wurden. Jetzt ist an die Stelle der Isolierung ein staatlich begrenzter und im einzelnen kontrollierter Kontakt getreten, dessen Grundprinzip die Gegenseitigkeit ist: Art und Umfang des Austausches sollen im wesentlichen korrespondieren.

Die Zahl der jüngeren Wissenschaftler – unter ihnen auch einige ältere Studenten – die im letzten Jahr im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft koordinierten Austausches für einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in der Sowjetunion waren, ist gering. Die Fristen des Aufenthalts an sowjetischen Hochschulen sind durch das sowjetische Studienjahr von September bis Juni begrenzt. So reichen in das Jahr 1964 zwei Gruppen hinein: eine aus dem Studienjahr 1963/64 mit zehn jungen Wissenschaftlern und eine aus dem Studienjahr 1964/65 mit acht.

Bei uns verteilen sich die sowjetischen Austauschwissenschaftler auf fast alle Universitäten, Technischen Hochschulen und Institute der Max-Planck-Gesellschaft. In der UdSSR ist es die Moskauer Universität, jenes oft photographierte Hochhaus auf den Leninbergen im Zuckerbäckerstil der stalinistischen Spätzeit, welche die meisten von ihnen aufnimmt.

Den Deutschen, die in die UdSSR gefahren sind, um wissenschaftlich zu arbeiten, ist das Äußere der Universität, über das die Moskau-Touristen so gerne schreiben, ziemlich gleichgültig. Für sie ist das Innere der MGU – Moskowskij Gossudarstwennyj (staatliche) Universsitet – viel wichtiger; denn dort befinden sich, außer den Hörsälen, Laboratorien und Sammlungen der naturwissenschaftlichen Fakultäten, auch die Studentenheime.

Die Zimmer liegen in dem Riesengebäude weit verstreut; bis zu zehn Minuten Weg trennen unsere Stipendiaten. Einer bezeichnete dieses Bauwerk als vollendetes Labyrinth: Die immer wieder gleichen Haupt-, Neben- und Seitenflügel sind in vollkommener Symmetrie angeordnet, so daß man nur an, Nebensächlichkeiten merken kann, wo man sich befindet. „Ja, hier war es, im Flur mit der schiefen Grünpflanze“, „... und dann beim Leninbild mit dem reparierten Rahmen gehst du links um die Ecke“.