Entzaubert werden diese Scheingrößen, wenn man sie auf einen Katheder oder vor die Fernsehkamera stellt. Dann merkt man eben, daß Herberger, Schön, Knöpfle und Oswald etwas gelernt haben und eine "gute Figur" machen, und viele der übrigen nicht weit entfernt von Scharlatanerie ihr Wesen oder Unwesen treiben. Aber wie die Heilpraktiker, deren medizinisches Wissen oft abenteuerlich ist, durch Suggestion Erfolge haben, so auch die "Erfolgstrainer". Soweit sie einst gute Fußballspieler waren, mag das angehen, aber manche können nicht einmal mit dem Ball umgehen. Sie spielen dafür aber um so besser die Rolle des geheimnisumwitterten Wundermannes, der mit dem Erfolg einen magischen Pakt geschlossen zu haben scheint.

Bleibt nun der Erfolg aus und rutscht die betreute Mannschaft in die Abstiegszone, ist das Vertrauen der Anhänger und des Vereinsvorstandes schnell dahin. Die Fans, bei denen zwischen "Hosianna" und "Cruzifige" nur eine Sekunde liegt, verlangen das Opfer – den Sündenbock – das heißt: fristlose Entlassung des erfolglosen Trainers. Das war auch diesmal so. Zuerst feuerten die Karlsruher, permanent vom berühmten Abstiegsgespenst bedroht, Herrn Sommerlatt. Der Berliner Hertha BSC beurlaubte jetzt Josef Schneider und läßt ihn leichten Herzens vom "grünen Strand der Spree" an der Waterkant ziehen. Dort wird er – ein Novum, die große Jugendabteilung des HSV trainieren, was darauf hindeutet, daß man am Rothenbaum, wie ehedem in Amateur- und Vertragsspielerzeiten, den Nachwuchs nicht mehr durch Einkauf, sondern aus den eignen Reihen holen will. Seeler, Meinke, Schnoor und Werner kamen ja alle aus eigner Zucht. Der 1. FC Kaiserslautern – ebenfalls abstiegsbedroht – schickte Günther Brocker den blauen Brief, Meiderich jagte Rudi Gutendorf davon, und der sonst so konservative VfB Stuttgart trennte sich mitten in der Saison von seinem Trainer Baluses, der viele Jahre für ihn tätig war.

Daß ein Trainer aber die führende Mannschaft verläßt, wie jetzt Multhaup, der von Werder Bremen zu Borussia Dortmund wechselt, ist allerdings selten. Neben der Gehaltsaufbesserung von 3000 auf 4500 Mark pro Monat sollen hier auch "familiäre" Gründe mit im Spiel sein. Nur Braunschweig hat sich nicht von Johannsen getrennt, der mit 2500 Mark auf dem untersten Rang der Gehaltsskala rangiert.

In der Boulevard Presse, wo das Sentiment ja Schlagzeilen macht, wurden die "armen" rausgeworfenen Trainer natürlich gebührend bedauert. Aber verdienen diese Leute, die oft nichts Richtiges gelernt haben und Riesengehälter einstecken, wirklich Tränen des Mitleids?

"Fortune", sagte Napoleon, "muß ein General haben" – und Glück und Erfolg muß eben der Bundesliga-Trainer mitbringen. Dafür wird er ja so hoch dotiert. Bleibt der Erfolg aus, "fliegt" er. Das ist sein einkalkulierbares Berufsrisiko. Die Vereine wollen jetzt auch eine Mißerfolgsklausel als Kündigungsgrund einbauen.

Fußball als Geschäft – und das ist die Bundesliga ja nun – ist besonders hart, rücksichtslos und und manchmal sogar brutal. Zu Zeiten der Amateure hat es mal so etwas wie Treue gegeben – heute regiert das Eintrittsgeld der wankelmütigen Zuschauermassen. Allerdings sind hier auch Nuancen, möglich wie der Fall Charly Dörfel zeigt, der die Notlage des HSV durch die Verletzung der beiden besten Spieler eiskalt ausnützen wollte, indem er als Nationalspieler kündigte, weil der Verein ihm immer noch kein Parfümeriegeschäft eingerichtet habe.

Es stimmt allerdings, daß manche Vereinsvorstände allzu rasch den Trainer "feuern". Selbst die Spitzenmannschaften haben bei diesem erbarmungslosen Kampf um Punkte und Geld Schwächephasen, die oft schon nach einigen Wochen wieder vorbei sind. Werden aber auch nur drei Spiele hintereinander verloren, erschallt schon der Ruf der Masse nach dem Skalp des Trainers. Und viele Funktionäre wissen: Verweigern sie das Opfer, sind sie selbst an der Reihe.

Aber das ist nun einmal das unerbittliche Gesetz des Sports, das nur den Erfolg anerkennt; es wird noch gnadenloser, wenn das Geld hinzukommt und ein in seiner Härte kaum zu überbietender "struggle for survival" aus diesem einstigen "Spiel" wird. Die stillen Helden der Bundesliga sind sicher nicht die Trainer mit ihrem Ministergehalt, wenn man ihnen auch manchmal übel mitspielt, wie etwa Herrn Widmayer in Nürnberg, dem Fanatiker die Reifen seines Autos durchschnitten und ihn mit nächtlichen Telephonanrufen traktierten – die wahren Dulder des Profifußballs, die unser aller Mitgefühl verdienen, sind die armen Schiedsrichter. Sie, die sich in Lebensgefahr stürzen, glaubt es kaum – reine Amateure und lassen ihre Trillerpfeife, die ihnen offenbar wie eine Zauberflöte ungeahntes Machtgefühl verleiht, für nur 26 Mark Spesengelder ertönen!