Die Rebellion der SPD-Studenten

Der alte Streit der Partei mit ihrem akademischen Nachwuchs ist neu entbrannt

Von Kai Hermann

Ein Hauch von Tragik lag über der Szene – und dichte Wolken von Zigarettenqualm. Die Front des Marburger Mensa-Saales schmückte auf der einen Seite eine rote Fahne. Auf der anderen saß, ganz verlassen, ein Herr in modischer roter Weste: Waldemar Ritter, Referent für jugendpolitische Fragen beim Parteivorstand der SPD, und blätterte fassungslos in den Anträgen, die eben von der sechsten Bundesdelegiertenversammlung des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) verabschiedet worden waren.

Ritter gehört zu jenen, die vor fünf Jahren der Bonner Parteibaracke geholfen hatten, einen parteifrommen Studentenverband, den SHB, zu gründen. Damals trennte sich die SPD vom renitenten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). In der Marburger Mensa mußte der Abgesandte aus Bonn am späten Donnerstagabend vergangener Woche darüber nachdenken, ob er dem Vorstand seiner Partei nicht raten müßte, sich wieder einmal vom Ballast des akademischen Nachwuchses zu befreien.

Vor ihm lag der "Initiativantrag 11". Mit eindeutiger Mehrheit hatten die Delegierten ihn eben gebilligt und damit ihren Vorstand beauftragt, eine "offizielle Beobachterdelegation" zu den kommunistisch gelenkten Weltjugendfestspielen in Algier zu entsenden und zu prüfen, "welche Möglichkeiten für eine Delegation mit vollem Teilnehmerstatus bestehen". Mit diesem Beschluß hatten die SPD-Studenten gegen eine der striktesten Direktiven ihrer Partei offen rebelliert: die Richtlinien für Ostkontakte. Sie bedrohen Sozialdemokraten, die an dem kommunistischen Festival teilnehmen, mit dem Parteiausschluß.

Zuversichtlich war Waldemar Ritter an die Lahn gefahren, um den akademischen Parteinachwuchs wieder auf den Vordermann Wehner zu bringen. Mit ihm erschien Prominenz. Der Bundestagsabgeordnete Jahn und Hessens Kultusminister Schütte halfen ihm, die Studenten an eine der vornehmsten sozialdemokratischen Tugenden zu erinnern: Disziplin.

Beifall für den "Parteifeind"

Die Rebellion der SPD-Studenten

Der Beifall für die prominenten Begrüßungsredner war schwach und mit unüberhörbarem Zischen gemischt. Nach den offiziellen Parteirednern trat ein "Parteifeind" hinter das Mikrophon. Der erst vor Jahresfrist aus der SPD ausgeschlossene Bundesvorsitzende der SDS, Helmut Schauer‚ wurde von seinen einstigen Genossen stürmisch gefeiert. Waldemar Ritter verließ demonstrativ den Saal. Die Rebellion war nicht mehr zu bremsen. Ihr zweiter Akt spielte in den verräucherten Hinterstuben alter Marburger Bierkneipen. Die SPD-Studenten aus München, Hamburg, Tübingen und Berlin trafen sich, meist zum erstenmal, tranken, diskutierten und waren sich schnell einig in dem Unbehagen an ihrer Partei.

Am nächsten Morgen wurde die Godesberger Anrede "liebe Freunde" seltener, dafür war mehr von "Genossen" die Rede. Man sprach weniger von "Rücksichten im Wahljahr" und mehr vom "Immobilismus der Partei", den man nicht mitmachen wolle, und von "unterentwickelter innerparteilicher Demokratie". Anträge wurden formuliert und meist einmütig oder doch mit großer Mehrheit verabschiedet. Dabei wurde auf die offizielle Parteilinie nur wenig Rücksicht genommen.

Die Delegierten drückten ihr "Befremden" darüber aus, daß ausgerechnet das sozialdemokratisch geführte Land Niedersachsen ein Konkordat mit dem Vatikan abgeschlossen habe. Sie lehnten "jede Beteiligung der Bundesrepublik an atomaren Streitkräften" ab, und sie äußerten "starke Bedenken" gegen eine große Koalition. Nachdem sie mit diesen Beschlüssen offene Kritik an der Politik der SPD-Führung geübt hatten, gingen sie daran, Bonner Tabus auf die Hörner zu nehmen. Sie forderten von Regierung und Opposition, auf "die Hallstein-Doktrin als Mittel der deutschen Außenpolitik zu verzichten", und sie schafften konsequent die Hallstein-Doktrin für ihren Verband sofort ab.

Der Vorstand des SHB wurde – im Widerspruch zu den Parteidirektiven – ermächtigt, auch mit solchen ausländischen Jugendorganisationen ein gutes Verhältnis zu pflegen, die sich mit FDJ-Funktionären an einen Tisch setzen. Und der SHB ermächtigte auch gleich sich selbst, mit den kommunistischen Blauhemden offizielle Kontakte aufzunehmen, um ein gesamtdeutsches Studententreffen in der DDR zu organisieren.

Den großen Knall aber hatten sich die Studenten für die letzte Nacht ihrer Tagung aufgehoben: jenen Antrag, eine SHB-Delegation zum Festival nach Algier zu schicken. Der Abgesandte des Parteivorstandes warf sich noch einmal in die schon verlorene Schlacht. Eine Stunde lang erzählte er von schmutzigen Tricks, mit denen die Kommunisten harmlose Sozialdemokraten für ihre Zwecke mißbrauchten und drohte unmißverständlich mit der höchsten Parteistrafe. Die Delegierten hörten geduldig zu. Statt jedoch den Weisungen ihrer Partei zu folgen, ließen sie sich das Problem dann "aus anderer Sicht" erläutern. Sie baten den SDS-Vorsitzenden ans Mikrophon. Der "Parteifeind", zuvor von Delegierten als "Genosse" tituliert, lud die Sozialdemokraten ein, sich zusammen mit dem SDS, dem Liberalen Studentenbund, ehemaligen FDJ-Funktionären und dem "Fellow-traveller" Pfarrer Mochalski an der Vorbereitung des kommunistischen Festivals zu beteiligen. Die Delegierten nahmen die Einladung an.

"Zurück zu Godesberg"

Die Sozialdemokraten sind nun in der Auseinandersetzung mit ihrem intellektuellen Nachwuchs wieder dort, wo 1960 der Streit begonnen hatte. Vor fünf Jahren allerdings konnte die Partei den rebellischen SDS noch zu einem Kotau zwingen: Der Sozialistische Studentenbund versprach damals, auf offene Kritik an der SPD zu verzichten. Trotzdem kam es bald zum Bruch; Herbert Wehner und Waldemar von Knöringen schufen sich eine neue, parteifromme Studentenvereinigung, den SHB. Das Experiment schien zunächst zu gelingen. Der SHB holte sich von der Partei Geld und Direktiven. Zwar nahm man nicht einmal an den Universitäten recht Notiz von diesem Verband, aber die "Baracke" war zufrieden. Vor einem Jahr erweckte der SHB dann zum ersten Male das Interesse der Öffentlichkeit. Er forderte die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Die "SPD-Burschenschaften" hatten sich mittlerweile zu einem der stärksten politischen Studentenverbände gemausert.

Die Rebellion der SPD-Studenten

Die SPD wurde der größeren studentischen Anhängerschaft nicht froh. Die direkte Einflußnahme auf den Verband wurde immer schwieriger. Im vergangenen September kam es zum ersten offenen Krach. Der Parteivorstand ließ durchblicken, daß ein Vertrauensverhältnis für die Zusammenarbeit mit den SHB-Repräsentanten nicht mehr gegeben sei. Der SHB-Bundesvorstand trat zurück, freilich nur, um sich sofort von den Mitgliedern in seine Funktionen wieder einsetzen zu lassen. In Marburg sollte das "Verhältnis zur Partei geklärt werden". Es wurde allerdings nicht so, wie es sich die Partei vorgestellt hatte. Auch der SHB demonstrierte Eigenständigkeit und übte im Wahljahr offene Kritik an der Partei.

Der SHB des Jahres 1965 ist indes doch in manchem vom SDS des Jahres 1960 verschieden. In Marburg trug man weiße Hemden statt Rollkragenpullover und rauchte Filterzigaretten statt schwarzen pfälzischen Tabak. Die SHB-Vertreter haben ihr Godesberger Programm genauer gelesen als das "Kapital". Richtete sich 1960 die Kritik vor allem gegen das neue Glaubensbekenntnis der Partei, so hieß die Parole in Marburg: "Zurück zum Godesberger Programm." Man war nicht gegen die SPD, sondern gegen Herbert Wehner. Man zitierte Willy Brandt bei jeder Gelegenheit und schwieg Fritz Erler tot. An Erler ist den Studenten "der zum Dogma eihobene Pragmatismus" suspekt, dagegen faszineren sie die neuen Ideen, die in Berlin entstehen.

Nach dem endgültigen Bruch der SPD mit dem SDS hatte der Soziologe H. P. Bahrdt, der mit anderen sozialdemokratischen Professoren damals die SPD verließ, in der ZEIT geschrieben: "Es wird sich bald herumsprechen, daß dem frisch-fröhlichen Pragmatismus die Zukunft nicht gehört, daß man ohne langfristige wissenschaftliche Analysen der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung keine Politik treiben kann." In der vergangener Woche wurde in Marburg die Abkehr van einem "irrationalen Pragmatismus" gefordert, die Rückkehr zur "Selbstreflektion" und zum "größeren Konzept".

Bahrdt schrieb damals: "Offenbar ist ein offener Gegensatz zwischen Intellektuellen und Parteipolitikern aufgebrochen." Der Gegensatz ist in den letzten fünf Jahren nicht kleiner geworden; die Fronten haben sich nur ein wenig verschoben. Die SPD steht zum zweiten Male vor der Frage, ob sie sich von ihrem Studentenbund trennen soll. Sie wird vermutlich – und darauf spekuliert auch der SHB – im Wahljahr den endgültigen Bruch vermeiden.

Allerdings ist dies nicht allein eine Frage der Vahltaktik. Die Generation der jetzt Dreißig- bis Vierzigjährigen in der Parteispitze kam einst fast ausnahmslos aus dem Sozialistischen Studentenbund. Nachdem sich die Partei nicht nur vom SDS distanzierte, sondern 1961 auch noch seine Mitglieder ausschloß, fehlen ihr nun schon seit einigen Jahren qualifizierte, politisch engagierte junge Akademiker. Und im Augenblick sieht es so aus, als müßte sich die SPD ihren Nachwuchs auch weiterhin vor allem von den "Parteisekretärsschulen" holen.