Immer wieder rufen ehrenwerte Kritiker nach einem Gesetz, das es dem Rezensenten verbietet, de Bücher seiner Gegner und Freunde zu analysieren. Nur dort, so meinen die Jakobiner unter den Kunstrichtern, wo die Prämisse des sine ira et studio gewährleistet sei, könne man von einer Kritik sprechen, die den Charakter der objektiven Schilderung habe.

Demgegenüber scheint es mir besser, den Zorn und den Eifer (der ohnehin mit im Spiel ist) nicht zu bemänteln, aber immer bereit zu sein, dem Gegner Abbitte zu leisten und dem Freund seine Enttäuschung zu zeigen. Unter der Voraussetzung, daß man offen bekennt, „dieser Mann hat mich grausam verrissen“, „jener Schriftsteller ist seit langem mein Freund“, mag eine Rezension, bei deren Stucium der Leser stillschweigend mögliche Emotionen mit in Betracht zieht, weniger bedenklich als eine andere, scheinbar sachliche Darlegung sein, deren Tenor in Wahrheit unterschwellige, dem Publikum nicht vertraute Ressentiments mitbestimmen.

Kämen die Cato-Naturen, unsere Unbestechlichen, mit ihrem Antrag durch, dann würde sich der Kritiker sowohl des Vergnügens, öffentlich revozieren zu dürfen, als auch jener superben Freude berauben, einem Nahestehenden zu attestieren, er habe ein Buch von Rang und Bedeutung geschrieben.

So peinlich es nun einmal ist, über mißlungene Bücher von Freunden schweigen, sie tadeln und der Wahrheit die Freundschaft opfern zu müssen, so angenehm erscheint es auch, das Werk eines Vertrauten (ein Buch, das man gern selbst geschrieben hätte) besprechen zu können, dessen Erkenntnisreichtum, Glanz, Perfektion und Ernst den Skeptischen überzeugt hat: den doppelt Skeptischen, denn wer mißtraute nicht der eigenen Begeisterung, wenn es um Formulierungen geht, die von einem Wohl-Bekannten stammen, den man lesend vor sich sieht; wer suchte nicht den Enthusiasmus durch Überstrenge zu zügeln und auch dort noch mäkelnd zu zweifeln, wo ein fremder Autor alle kriti;chen Barrieren längst hinweggeräumt hätte?

Wozu viele Worte? Wolfgang Hildesheimer ist mein Freund. Ich habe seinen neuen Roman mehrmals mit so viel Krittelsucht und morosem Ingrimm gelesen, als ich irgend mobilisieren konnte und muß am Ende doch bekennen, daß ihm jetzt ein großes Buch gelang –

Wolfgang Hildesheimer: „Tynset“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 269 S., 17,80 DM.

Das Thema ist vertraut; Motive des „Nachtstücks“ tauchen wieder auf; Elemente von „Nightwood‘, Djuna Barnes’ Roman, den Hildesheimer übersetzte, sind unübersehbir. Ein Mann, der nicht schlafen kann, ein einsamer, von Angst und Hellsicit Gebeutelter spricht seinen Monolog zwischen Abend und Morgen, ein Zwiegespräch mit unser aller Mutter, der Nacht, die Wechselrede zwischen dem schlaflosen Schläfer und der schrecklicher Notre-Damede-bonne-Garde: „Ah, non Dieu!“, zitiert Doktor O’Connor bei Mrs. Barnes, „La nuit effroyable! La nuit qui est une immense plaine, et le coeur qui est une petite extremite!“