H. W., Neustadt

Für so manchen biederen Bürger der kleinen Stadt Neustadt in Holstein ist Heinrich Böll plötzlich zum schwarzen Schaf der deutschen Literatur geworden, jedenfalls erklärte ihn der ehemalige CDU-Landrat des Holsteiner Kreises Oldenburg, Rohwedder, zum „anarchistischen Schriftsteller“. Nun ist in Schleswig-Holstein so allerhand möglich – in einem Lande, wo es noch Adolf-Bartels-Straßen gibt und Schulen, die sich wieder „Adolf-Bartels-Schulen“ nennenwollen.

Stein des Anstoßes war im Fall Böll dessen Roman „Ansichten eines Clowns“. Aufgeführt wurde das Trauerspiel bei einer Abiturientenfeier im Neustädter Gymnasium. Zu den Gästen zählte auch Ex-Landrat Rohwedder, selber Vater eines Abiturienten.

Zunächst ging noch alles glatt über die Bühne Dann aber stand Studienrat Heipcke auf dem Podium, Theologe und Klassenlehrer einer der beiden Abgangsklassen. Als er aus Bölls „Clown“ las, schien für manche Zuhörer die Stunde gekommen zu protestieren. Mehrere Ehrengäste, Eltern und einige Lehrer verließen den Saal.

Sie kamen erst wieder, als der Studienrat Ansprache und Vorlesung beendet hatte.

Der nächste Festredner war der frühere Oldenburger Landrat. Er glaubte Wohl, seine große Stunde sei nun gekommen und verkündete, er habe nicht die Absicht, aus den Werken eines „anarchistischen Schriftstellers“ zu lesen. Dafür rief er den Abiturienten die markigen Worte zu: „Mißbraucht nicht eure Freiheit. Seid stetig und zuverlässig und tut immer eure Pflicht dem Volk und dem Vaterland gegenüber.“ Nach der Feierstunde meinte er noch, mit der Böll-Lesung seien sämtliche, für die ältere Generation bestehenden Werte in Frage gestellt worden.

Bölls Ehre wurde dann aber doch noch „gerettet“: Als die Zeugnisse verteilt wurden, traten unprogrammgemäß ein Abiturient und eine Abiturientin auf und bedankten sich bei ihrem Studienrat: „Wir haben sehr gut verstanden, was Sie uns gesagt haben und was Sie uns sagen wollten. Das ist einem Teil der Gäste offensichtlich nicht gelungen.“ Rohwedder freilich ließ sich davon nicht beeindrucken. Sein Kommentar: „Die verstehen das ja alles nicht!“