Obdachlose – die Außenseiter der Wohlstandsgesellschaft

H. C., Berlin

Derwisch, Clochard, Tippelbruder – es sind drei Welten. Wird der Derwisch geehrt, der Clochard respektiert, dem deutschen Tippelbruder bleibt jegliche Hochachtung versagt.

Seinen Namen meldet kein Lied. Allein der § 361 f des Strafgesetzbuches erwähnt ihn, nennt ihn einen „schuldhaft Obdachlosen“ und droht mit Haft. Während der Clochard bei Rotwein und Camembert sein Leben lebt, unter den Seinebrücken schläft, unbehelligt von der Obrigkeit, ist sein deutscher Bruder vor der Polizei niemals sicher. Es ist des Deutschen Pflicht, zu wohnen und ein festes Obdach zu begründen. Es herrschen Ordnung, Wohnsubordination und Zwangswohlfahrt.

Inmitten der Wohlstandsgesellschaft, die sich in Eigentumswohnungen und Bungalows am Stadtrand repräsentiert, leben Tausende von Menschen, die das nur vom Hörensagen kennen. Sie wohnen kläglich. Sechs bis acht Personen in Ein- oder Zweizimmerwohnungen sind keine Seltenheit. In Köln und Hannover ebenso wie in Hamburg, Essen oder Berlin werfen die Obdachlosen Schatten auf das Dolce Vita. Es sind zusammen fast 100 000 Menschen.

Sie gelten als Kriminelle, und wenn sie auf freier Bahn, in Kellern, Ruinen oder im Freien übernachten, vergrößern sie die Dunkelziffer unaufgeklärter Verbrechen, sagt die Obrigkeit. Tatsächlich sind die Einzelgänger unter den Wohnfeinden meist nur harmlose Tippelbrüder, die in der Zwangswohngemeinschaft der Lager zum Gefahrenherd werden. Arbeitsscheu und Trinklust wirken ansteckend.

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