B. W., Hamburg

Der ärztliche Direktor des Hafenkrankenhauses der Freien und Hansestadt Hamburg, Professor Dr. Gerhard Küntscher ist ein weithin geachteter Mann. Am 18. Februar erst empfing er die Ehrendoktorwürde der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel in Anerkennung der außerordentlichen Verdienste, die er sich um die Probleme der Knochenheilung und der Geweberegeneration durch Entwicklung revolutionierender Behandlungsmethoden erworben hat. Der begehrte Danis-Preis der Internationalen Chirurgen-Gesellschaft wurde ihm bereits 1953 an der Sorbonne für die von ihm erfundene Marknagelung überreicht. Er ist zudem Ehrenmitglied zahlreicher ausländischer medizinischer Gesellschaften.

Trotzdem soll Professor Küntscher am 31. Dezember dieses Jahres auf Beschluß der Hamburger Gesundheitsbehörde und ihrer Deputierten in den Ruhestand treten. Eine Aussprache fand gar nicht erst statt. Professor Küntscher beantragte daraufhin sofort, seine Dienstzeit um fünf Jahre zu verlängern. Er möchte eine neue Methode, Knochenkorrekturen ohne große Wunde von der Markhöhle aus mit einer Miniaturkreissäge zu durchtrennen, fortsetzen.

Weit über eine Million Küntscher-Nägel stecken in Markröhren. Die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit bei einem Unterschenkelbruch dauert auf konservativem Wege ungefähr vier bis sechs Monate, bei der Küntscherschen Behandlung dagegen höchstens ein bis zwei. Wegen der von ihm erfundenen Marknagelung wurde der Professor auch 1957 als ärztlicher Direktor an das Hafenkrankenhaus berufen. Vorher war er Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Schleswig gewesen. Dort konnte er ungestört wissenschaftlich arbeiten. „Meine Berufung an das Hafenkrankenhaus“, meinte Küntscher, „schließt für Hamburg gleichzeitig die Verpflichtung ein, mein Werk nach besten Kräften zu fördern und zu erhalten.“

Etwa eintausend Kollegen aus dem In- und Ausland haben ihm bei seinen Operationen im Hafenkrankenhaus zugesehen; sein Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, eine japanische Ausgabe liegt jetzt vor. In sämtlichen Ländern der Welt ist seine Marknagelungsmethode verbreitet.

Seinem Wunsch aber nach Verlängerung der Dienstzeit schenkte man kein Gehör. Es besteht zwar die Möglichkeit, so hieß es, im Einzelfall die Altersgrenze um ein Jahr hinauszuschieben, höchstens allerdings bis zur Vollendung des 68. Lebensjahres. Dringende „dienstliche Rücksichten“ und „Bedürfnisse der Verwaltung“ für eine Verlängerung der Dienstzeit lagen in diesem Fall indessen nicht vor. Seine geistige und körperliche Leistungsfähigkeit schätzt Küntscher übrigens hoch ein; er ist robust, Nichtraucher, Fußgänger und Bastler. Am liebsten aber steht er am Operationstisch.

Jeglicher Bürokratie abhold, so sagt man, kümmere sich Professor Küntscher um die sogenannte administrative Medizin, kurz um das, was ärztliche Direktoren Verwaltungsarbeit nennen, völlig korrekt, aber lediglich im Rahmen des unbedingt Notwendigen. Der tatkräftige Gesundheitssenator Schmedemann verlangt von ärztlichen Direktoren jedoch, daß sie sich intensiv für alle ihnen obliegenden Pflichten interessieren. Küntscher hält er vor allem seine zahlreichen Reisen zu Kongressen vor, wo er meist Referate halten mußte. Hier macht Küntscher, im Gegensatz zu seinen weniger erfolgreichen Kollegen, zweifellos eine Ausnahme. Wäre er an der Universitätsklinik Eppendorf tätig – sie untersteht der Schulbehörde –, gäbe es wohl kaum derartige Vorwürfe. Oder ist der Professor der Gesundheitsbehörde zu einseitig? Küntscher entgegnet: „Bei den ständig steigenden Unfallzahlen wird der Vorrang der Unfall- und Knochenchirurgie immer größer.“

Aus dem Ausland sollen in der letzten Zeit Briefe an den Senat eingetroffen sein. In allen wird gefragt, ob Professor Küntscher tatsächlich am Jahresende das Hafenkrankenhaus verlassen müsse, dem er Weltgeltung verschaffte. Ein verlockendes Angebot aus Übersee will er nicht annehmen, er möchte in Hamburg bleiben. Wie sagte Domherr Meyer Ende des achtzehnten Jahrhunderts in seinen Hamburger Skizzen? „Unser Geist, der auf Weltbürgersinn achtet und nur das wahre Verdienst anerkennt, verbreitet sich mehr und mehr...“