Von Urte von Kortzfleisch

Vera Elyashiv: Deutschland – kein Wintermärchen; Econ Verlag, Düsseldorf; 325 Seiten, 19,80 DM.

Vera Elyashiv ist Jüdin; eine Überlebende deutscher Konzentrationslager. Als parlamentarische Korrespondentin einer israelischen Zeitung folgte sie der Einladung, einen Fernsehfilm über die Bundesrepublik zu drehen. Sie hat sich Ungeheuerliches zugemutet. Deutsche Uniformen, deutsche Lautsprecher, deutsche Gesichter schienen ihr fast unerträglich. Den Rosenstrauß zum Empfang empfand sie als Ironie, das erste Wochenende versteckte sie sich im Hotelzimmer.

Ihre Freunde in Israel hatten ihr abgeraten; man müsse endlich hassen lernen, Deutschland den Rücken kehren. Auch Vera Elyashiv hat nichts vergessen und vergeben. Dennoch zwang sie sich zu dem Besuch, zum Hinschauen nach Deutschland, weil sie es für gefährlich hält, die politisch und wirtschaftlich einflußreiche Bundesrepublik zu ignorieren. Sie glaubte, es sei ihre Pflicht als Journalistin, dieses Land genau kennenzulernen, um vielleicht einmal rechtzeitig warnen zu können. Nicht zuletzt trieb es sie, nach achtzehn Jahren den Deutschen wieder in die Augen zu sehen – von einer neuen Position aus.

Die Autorin ist zu klug und sich ihrer Befangenheit zu sehr bewußt, als daß sie eine objektive Analyse der Bundesrepublik, ihrer Menschen und Institutionen, versuchen wollte. Sie schildert Eindrücke und Gefühle, gibt sich dabei aber die größte Mühe, „so nüchtern wie nur möglich“ vorzugehen. In Gesprächen mit einzelnen Deutschen trifft sie auf „ausweichende, sich windende Gesichter“. Sie hilft und überbrückt. Sie weiß, daß es Unbefangenheit ihr gegenüber nicht geben kann. Die meisten Deutschen helfen sich mit dem dicken Trennungsstrich zwischen nationalsozialistischen Vergangenheit und rechtsstaatlicher Gegenwart. Sie vermeiden das Wort „Jüdin“. Sie nennen die Autorin eine „Israeli“ und bewundern die Leistungen ihres Landes. Vera Elyashiv läßt jedoch diese Scheidelinie nicht gelten. Sie besteht darauf, daß sich die Israelis von den Juden der Nazizeit nicht unterscheiden, und geht davon aus, daß auch in der Bundesrepublik das Alte im Neuen fortlebt.

Erbarmungslos rückt sie unseren Vorstellungen zuleibe. Der größte Teil der heute amtierenden Richter ist in der Nazijustiz tätig gewesen. „Werden sie die Objektivität aufbringen können, diese Vergangenheit juristisch zu bewältigen, das heißt zu verurteilen?“ Es gibt keine zentrale deutsche Erziehungspolitik, keine Leitbilder für die heranwachsende Generation, Zwei Drittel der Lehrer haben schon im Hitlerstaat unterrichtet; ihre Interpretation der nationalsozialistischen Vergangenheit kann daher nur der Versuch einer Rechtfertigung sein. Sind diese Lehrer geeignet, zu politischer Wachsamkeit, zu einem Sinn für Gerechtigkeit und Toleranz zu erziehen?

Bezeichnenderweise beurteilt sie die Bundeswehr im ganzen positiv, weil hier – zum Beispiel in der Einrichtung eines Personalgutachterausschusses und durch das Prinzip der „Inneren Führung“ – ein ernsthafter Versuch gemacht wurde, Konsequenzen aus der Vergangenheit zu ziehen.