Theodore Zeldin: Emile Ollivier and The liberal Empire of Napoleon III. Clarendon Press, Oxford; 248 Seiten.

Den besiegten Politiker von 1870 kennen nur noch die Berufshistoriker. Aber vielleicht kann Zeldins gescheite, klare und lebendige Untersuchung den letzten Ministerpräsidenten Napoleons III. seiner Vergessenheit entreißen. Aus gedruckten und unveröffentlichten Quellen wird das Bild eines ungewöhnlichen, geistreichen und gewandten Politikers sichtbar, dessen Werk Dauer hätte haben können, wenn – ja, wenn er eben nicht den entscheidenden Fehler gemacht hätte, Preußen den Krieg zu erklären.

Ollivier verließ die Republikaner, um zusammen mit Napoleon ein liberales Kaiserreich aufzubauen. Er hatte zunächst Erfolg damit, und es stand nicht in den Sternen geschrieben, daß aus diesem Bemühen die Revolution und die Republik hervorgehen sollten. Die Verbindung von Liberalismus und Kaisertum entsprach einem weitverbreiteten Bedürfnis, und Ollivier war klug und hatte einige bedeutende Mitarbeiter, die ihm halfen.

Alles war vorbei, als er den Krieg erklärte. Dabei war er, anders als Thiers und andere ein flußeiche Männer Frankreichs, kein Gegner der deutschen Einheit. Er bewunderte den deutschen Geist und gönnte den Deutschen, daß sie in einem Staate zusammenkämen. Daß er dennoch den schwersten Fehler seiner Laufbahn beging, dafür führt Zeldin einige einleuchtende Gründe an. 1. Ollivier war sehr empfindlich in allen Fragen nationalen Stolzes. Er fühlte sich und das französische Volk durch Bismarcks Vorgehen in Spanien beleidigt und wollte diese Beleidigung abwehren. Die wichtigsten Sätze der berühmten kriegerischen Rede seines Außenministers, die den Keim zu dem kommenden Unheil in sich trugen, stammten, wie der überraschte Leser von Zeldin erfährt, gar nicht von dem unglücklichen Gramont, sondern von Ollivier. 2. Ollivier hatte eine höchst übertriebene Vorstellung von der Notwendigkeit eines Einklangs zwischen Volk und Regierung. Der Krieg war volkstümlich; nach seiner Grundanschauung konnte Ollivier kaum noch dagegen sein. 3. Ollivier glaubte, Frankreich habe ein Heer.

Ist Ollivier damit entschuldigt? Sicher nicht. SG viel grundlegende Irrtümer in einer schwierigen Lage begeht kein Staatsmann. Er war ein Mann mit den besten Absichten. Aber auch hier entschieden nicht die Absichten, sondern der Mangel an Einsicht. Paul Sethe