Dies also der Unterschied: Amerika hatte Kennedy und Sargent Shriver, wir hatten eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Und diese Gesellschaft bekam, weil nicht Phantasie im Spiele war, sondern Verwaltungsnüchternheit, einen Namen, der auf Stelzen ging: Deutscher Entwicklungsdienst, gemeinhin abgekürzt DED.

Diese Bezeichnung ist in der Tat kein leuchtendes Etikett, viel eher eine triste bürokratische Abwertung. In der DED-Zentrale, die in einer umgebauten Kunststofffabrik zu Bad Godesberg residiert, weiß man dies längst. Aber keiner der bisherigen Umbenennungsvorschläge machte bisher reine Freude. "Friedenskorps" – ein Plagiat. "Friedenslegion" – schlimmer Anklang an die "Legion Condor", Hitlers militärischen Beitrag für den Spanischen Krieg. "Soldaten des Friedens" (von Bundespräsident Lübke geprägt) – gleichfalls recht mißverständlich. Auch das im Dritten Reich Mode gewordene Wort "Einsatz" versucht man jetzt möglichst zu vermeiden. Und die hölzerne Bezeichnung "Entwicklungshelfer" wird durch das – militärisch auch ein wenig vorbelastete – Wort "Freiwillige" ersetzt. Aber welchen präzisen, wohlklingenden, unbelasteten und, und auch das ist wohl nötig, zündenden Namen könnte der Deutsche Entwicklungsdienst künftig annehmen? Gute Vorschläge würde man in Bad Godesberg gewiß dankbar prüfen.

Soviel steht fest: Diese GmbH hat mittlerweile sehr viel mehr Elan als ihr Name verrät. Es ist da fast sogar ein Wunder geschehen. Aus der bürokratischen Anfangsträgheit hat sich ein Schwung entwickelt, der die Behauptung rechtfertigt: dieses deutsche Peace Corps (immer wieder das Plagiat, sei’s drum) beginnt Profil zu gewinnen. Nicht zuletzt hängt das sicher damit zusammen, daß nach manchen Wechseln und Unklarheiten endlich eine klare Spitze etabliert wurde. Als Finanzfachmann führt der frühere Bundesfinanzdirektor Theodor Samm die Geschäfte gemeinsam mit Axel von dem Bussche.

Ein besserer "Motor" als Bussche wäre für dieses junge Unternehmen kaum dankbar. Er, der im Zweiten Weltkrieg als Offizier zum Widerstand gegen Hitler gehört hat und der in der Bundesrepublik ein paar Jahre lang Diplomat war und eine Zeitlang die Schule Schloß Salem geleitet hat, verfügt über jene Eigenschaften und Erfahrungen, die dieser Posten nun einmal erfordert: Pädagogisches Talent, Sinn für das Wichtige, Einfallsreichtum – und schließlich ein ungestümes, gegen kleinliche Normierung aufbegehrendes Temperament. Für Verwaltungsleute ist er sicherlich ein schwieriger Partner – aber für die Freiwilligen im Entwicklungsdienst ein idealer "Chef".

In der Anfangszeit des Entwicklungsdienstes war es wohl kaum zu vermeiden, daß die Verwaltung über Gebühr wucherte. Das hat sich schon heute geändert: 65 Angestellte arbeiten in der Godesberger Zentrale, 100 Freiwillige sind "draußen". Und die "Etappe" wird proportional immer kleiner. Schließlich, wenn das Ziel von 1000 Freiwilligen erreicht ist, soll die Relation so aussehen: zehn im Ausland, einer zu Hause. Und, da schon von Zahlen die Rede ist: Ein Helfer kostet den deutschen Steuerzahler pro Jahr etwa 20 000 Mark, wobei die noch relativ hohen Verwaltungskosten mitgerechnet sind. Das ist viel Geld, aber – pro Mann – immer noch sehr viel weniger als die Kosten für die Bundeswehr, wenn man Waffen und Geräte einbezieht.

Hundert junge deutsche Freiwillige arbeiten also schon jetzt in der Dritten Welt – an den Projekten in Libyen und in Tansania, ferner in Afghanistan, wo sie in Kabul auf die Deutsche Gewerbeschule, eine Kunstschule, das Institut für Industrieverwaltung und Mittel- und Oberschulen aufgeteilt sind, und in Indien, wo sie im Territorium Himachal Pradesh mithelfen, Bauern, Mechaniker und Melker in modernen landwirtschaftlichen Methoden zu unterweisen, Eine Anzahl von Freiwilligen, die freilich sehr viel niedriger ist als die von den Gastländern erbetene, wird derzeit für die Arbeit in Chile, in Peru und in Brasilien ausgebildet. Weitere Projekte sind geprüft in Liberia sowie in Nigeria und ins Auge gefaßt in Togo, Ghana, Kamerun, dem Iran und Nepal.

Seitdem der Deutsche Entwicklungsdienst besteht, hat es nicht gefehlt an Bitten von draußen, Helfer zu schicken. Aber gibt es in diesem Land genügend Freiwillige? Dies die statistische Antwort: Rund 10 000 (zumeist) jüngere Menschen haben sich bisher interessiert gezeigt, das heißt, sie haben "angefragt". Aber nur etwa jeder fünfte hat dann auch eine Bewerbung eingereicht, also einen recht umfangreichen Fragebogen nach Godesberg geschickt. Diese Zahl ist viel zu gering. Das wird deutlich, wenn man weiß, daß die Faustregel lautet: man braucht zehnmal soviel Bewerber wie Freiwillige gebraucht werden. Der "Schwund" ist beträchtlich.