Viele, die sich zunächst begeistert zeigen, springen ab; sei es, daß die Freundin oder Braut rebelliert, sei es, daß der Arbeitgeber durch verlockende Angebote oder Zulagen den Enthusiasmus lähmt sei es, daß – bei näherer Betrachtung – die ganze Sache doch etwa zu mühsam erscheint. Aber auch auf der anderen Seite, beim "Sieben", gibt es Ausfall. In Godesberg ist man der Meinung, daß es besser sei, weniger Freiwillige ins Ausland zu schicken als die falschen.

Die erste Klippe also ist: der Fragebogen. Die zweite: persönliche Vorstellung, wobei während eines ganzen Tages in Gruppengesprächen Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und Ausdauer der Bewerber geprüft werden. Und drittens schließlich müssen auch noch während der Ausbildung Bewerber ausscheiden. Diese Ausbildung der Freiwilligen ist kein Kaffeekränzchen im Sinne unverbindlicher Weltbeglückung. Im Grundkurs, der acht Wochen dauert, wird unter anderem die Sprache des künftigen Gastlands gelehrt, Aufschluß gegeben über Tropenkrankheiten, Tropenhygiene, Länderkunde und Arbeitspädagogik. Der Spezialkurs, der sich anschließt – er dauert vier bis acht Wochen – führt die Freiwilligen in die besonderen Aufgaben und Lebensverhältnisse ihres Projektes ein.

Zwischen drei und fünf Monaten werden die Freiwilligen also in die Mangel genommen, bevor man sie schließlich hinausschickt, und dann erst beginnen die zwei Jahre, für die sie sich verpflichtet haben. Während dieser Zeit trägt der Entwicklungsdienst selbstverständlich alle Kosten für die Lebenshaltung im Ausland. Außerdem überweist er jedem Helfer monatlich 200 Mark auf ein Konto in der Bundesrepublik – das ergibt einen immerhin ganz ansehnlichen Betrag als "Starthilfe" nach der Rückkehr.

Der Entwicklungsdienst (oder wie immer die beste Bezeichnung lauten mag) ist keine Sache für Schwärmer. Es ist vielmehr – für den Staat und für den Einzelnen, eine Aufgabe, die gewiß Verzicht verlangt, die aber auch Bereicherung bringt, in einem alles andere als materiellen Sinne. Axel von dem Bussche hat dies so formuliert: "Zu diesem Dienst gehören sowohl Nüchternheit als auch Hilfsbereitschaft. Inhalt des Dienstes ist eine wohlausgewogene Kombination des Wunsches zu lernen mit dem Verlangen zu helfen. Der Typ des Entwicklungshelfers – wenn es ihn überhaupt gibt – sind junge Menschen mit kühlem, sachlichem Verstand, mit dem Wunsch, ihren Horizont zu erweitern und gleichzeitig den Entwicklungsländern unter Verzicht auf materielle Vorteile einen sinnvollen Beitrag für den Wirtschaftsaufbau und die Hebung des Lebensstandards ärmster Teile der Bevölkerung zu leisten."

Die Vorstellung, daß der freiwillige Helfer in den Entwicklungsländern sozusagen "Mädchen für alles" sein soll, ist durch die bisherigen Erfahrungenlängst korrigiert worden. Heute kommt es darauf an, ein Team in einer Weise einzusetzen, die man im modernen Sprachgebrauch "gezielt" nennt. Aus den Anfragen der jungen Staaten zeigt sich, daß als Helfer vor allem benötigt werden: Handwerker, Landwirte, Ingenieure, Mechaniker, Vermessungstechniker, Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern und Sozialarbeiter.

Das Peace Corps in Amerika rekrutiert sich zu 95 Prozent aus College-Absolventen. In der Bundesrepublik zeigen sich die Akademiker, und da käme es wohl vor allem auf die Ärzte und Ingenieure an, überaus zurückhaltend. "Soll denn", so fragt man in Godesberg, "die Freiwilligkeit auf die einfachen Leute beschränkt bleiben?" Große und umfangreiche Team-Projekte würden erst möglich werden, wenn man die Hilfe auf eine sehr breite Basis stellen könnte: handwerklich, technisch, pädagogisch, psychologisch und medizinisch.

Wenn aber solche Projekte verwirklicht werden sollen, ist es nötig, daß sich nicht nur junge Facharbeiter – sie stellen bei weitem die größte Gruppe der bisherigen Bewerber – zur freiwilligen Mitarbeit bereitfinden. Und zweitens ist es wichtig, daß die Gefahr der Uberverwaltung in Zukunft gebannt wird. Von einem leitenden Mann in der Godesberger Zentrale hörte ich am Telephon (er sprach mit einem der Bonner Kontrolleure): "Wir können doch nicht jedes Loch in der Socke als Abschreibung buchen!" Und als einen Stoßseufzer fügte er hinzu: "Hemd und Hose sind längst zerschlissen, wenn die ,Inventarisierung‘ abgeschlossen und ausgewertet ist."