Er hat das gemacht, was in Biographien gern als „Blitzkarriere“ bezeichnet wird: vor zehn Jahren begann Eberhard von Brauchitsch seine Laufbahn bei der Lufthansa als Assistent des Vorstandes, heute zählt er zu der kleinen Gruppe industrieller Spitzenkräfte, die Entscheidungen über Milliardenvermögen zu treffen haben.

Obwohl Brauchitsch schon bei der Lufthansa sehr erfolgreich war (er fing dort mit 28 Jahren an, nachdem er gerade sein Assessor-Examen beim Berliner Kammergericht abgelegt und seine Zulassung als Rechtsanwalt erhalten hatte, und wurde bereits mit 30 Jahren Geschäftsführer der Lufthansa-Tochtergesellschaft Deutsche Flugdienst GmbH), begann sein eigentlicher Aufstieg doch erst, als er zu einer Holdinggesellschaft überwechselte, in deren Bereich zehnmal soviel umgesetzt und wahrscheinlich fünfzigmal soviel verdient wird wie bei der Lufthansa. 1960 trat Eberhard von Brauchitsch als Prokurist in die Dienste der Friedrich Flick Kommanditgesellschaft. Knapp fünf Jahre später wurde er „persönlich haftender geschäftsführender Gesellschafter“ dieser obersten Holding der Flick-Gruppe.

Wer den Lebenslauf des jüngsten Flick-Geschäftsführers kennt, könnte den Eindruck gewinnen, diese Karriere sei Eberhard von Brauchitsch vorgezeichnet gewesen. Wie schon die Eltern Flick und Brauchitsch, waren auch die Söhne Friedrich Karl und Eberhard befreundet. Sie haben in Grunewald zusammen gespielt und sind später in Bad Tölz gemeinsam zur Schule gegangen. Was lag also näher, als daß Eberhard eines Tages auch bei Flick Karriere machen würde?

Wer jedoch Friedrich Flick kennt, wird wissen, daß freundschaftliche Bande für ihn gewiß kein Grund gewesen wären, einen jungen Mann nach kurzer Zusammenarbeit in eine Stellung zu berufen, die sein Vetter und langjähriger Vertrauter Konrad Kaletsch im Herbst 1963 im Alter von 64 Jahren erhielt. Nein, die Wahl ist sicherlich nicht aus sentimentalen Gründen auf von Brauchitsch gefallen, sondern weil Flick in ihm den richtigen Mann für eine schwierige Aufgabe sah. Gesellschafter der Flick-Holcing, das bedeutet nicht Manager sein, sondern Unternehmer in dem noch patriarchalischen Stil, den Friedrich Flick, aber auch sein Sohn und Nachfolger Friedrich Karl pflegen – aber eben ein Unternehmer, der keinerlei Eigentum an „seiner“ Firma besitzt.

Eberhard von Brauchitsch bringt als Jurist, der seine unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte, dafür die sachliche Voraussetzung mit, durch seine Freundschaft mit dem jüngsten Flick-Sohn, aber gleichzeitig auch die persönliche Bindung an die Familie. So soll er Friedrich Flick helfen, sein großes Ziel zu verwirklichen, das Familienunternehmen, das die weitgegliederte Flick-Gruppe trotz mancher ausgeklügelter rechtlicher Konstruktionen darstellt, noch über Generationen hin zu erhalten.

Friedrich Flick ist der letzte jener Konzernbauer, die in den unruhigen Jahren zwischen den beiden Weltkriegen aus dem Nichts heraus ein Industriereich gegründet haben. Und sein Reich ist auch das einzige, das Bestand gehabt hat – ja es ist heute sogar größer als jemals zuvor. Friedrich Flick, bald 82 Jahre alt, regiert von Düsseldorf aus ein Industrieimperium, in dem über 100 000 Menschen beschäftigt werden und dessen Wert auf mehr als 2 Milliarden Mark geschätzt wird.

Das Schicksal schnell gewachsener Industriekonzerne scheint dem der von Eroberern begründeten Reiche zu ähneln: sie überleben meist ihre Gründer nicht. Nur 40 Jahre, nachdem Hugo Stinnes auf dem Gipfelpunkt seines Lebens mit der Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union das größte industrielle Imperium errichtet hatte, das Deutschland je gekannt hat, haben seine Söhne die kärglichen Reste ihres Erbes verspielt. Friedrich Flick will sich diesem Gesetz vom Zerfall der Familienunternehmen nicht beugen: schon seit Jahren setzt er seine Kraft und sein Geld noch mehr als für die Erweiterung seines Konzerns dafür ein, den Bestand für die kommenden Generationen zu sichern.