Von Marcel

In der ZEIT vom 12. Februar wies ich darauf hin, daß sich die deutschen Schriftsteller an der fundamentalen Diskussion um die Frage der Verjährung nicht beteiligen. Es ging mir dabei überhaupt nicht um die Verbrecher von gestern, wohl aber um die Schriftsteller von heute; es ging nicht um den Nationalsozialismus, sondern um die Literatur in der Bundesrepublik. „Ich denke nicht daran“, meinte ich, „gegen die Haltung der Schriftsteller zu protestieren oder an ihr Verantwortungsbewußtsein zu appellieren ... Ich kann nur nicht aufhören, mich zu wundern. Ich möchte nur begreifen, was eigentlich in ihren Köpfen vorgeht.“

Inzwischen hat eine Anzahl von Schriftstellern versucht, mich in Briefen zu belehren und mir zu erklären, warum sie schwiegen und schweigen. Zwei von diesen Briefen scheinen mir besonders charakteristisch zu sein, weil sie weit mehr als die Anschauungen eines einzelnen erkennen lassen – diejenigen von Albrecht Goes, Jahrgang 1908, und von Günter Grass, Jahrgang 1927.

Goes schreibt, er sei „sorgfältig und nicht ohne Leidenschaft mit der Sache befaßt denn „zu quälend war und ist für mich die Vorstellung, daß der gutgekleidete Zeitgenosse, der einem im Sommer 1965 beim Kofferverstauen in der Eisenbahn hilft, zum Mordbubenhaufen des Krumey oder zur Sadistenclique Boger–Kaduk gehören könnte und wir hätten nicht alles getan, um dergleichen wo nicht unmöglich zu machen, so doch zu erschweren oder zu verzögern“.

Nun gut, aber was geht daraus hervor? Goes beruft sich auf einen Satz, den er selber am 31. Dezember 1964 in einer Rundfunksendung zu sagen für nötig hielt: Es handle sich hier um „ein Problem, das mit dem Recht und mit der Gnade zu tun hat, mit dem Gewissen und mit der Verschlagenheit, mit dem dunklen Geheimnis der Zeit und mit dem hellen Geheimnis, das nicht von dieser Zeit ist“.

Jetzt fügt Goes hinzu: „Ich möchte gewiß nicht aus Mitleid mit den Wölfen posthum am Los der Schafe schuldig werden; ich möchte aber auch nicht dem Recht der Rache das Wort reden.“ Und sein Fazit: „Ich habe mich gründlich besonnen, aber ich fürchte mich vor dem schnellfertigen Wort.“

Ich schätze Albrecht Goes, ich verstehe seine Hemmungen, ich respektiere sein Schweigen... Dennoch scheint mir sein Standpunkt bedenklich, wenn nicht gar gefährlich zu sein. Ganz, abgesehen davon, daß eine Äußerung dessen, der sich „gründlich besonnen“ hat, doch wohl kaum „schnellfertig“ sein kann, fürchte ich nicht weniger als jenes „schnellfertige Wort“ solche Begriff wie das „dunkle Geheimnis der Zeit“ und das „helle Geheimnis, das nicht von dieser Zeit ist“.