Von Joachim Kaiser

Der Raum ist beschränkt, und das kulturelle Leben ist weit – weiter, als Pessimisten es wahrhaben wollen. Damit sich nicht allzu hart im Räume die Sachen stoßen, verlagern wir immer einmal wieder das Gewicht. Jüngst lag es durch Hermann Funkes Artikelfolge bei der Architektur. Heute und für die nächsten Nummern soll es bei der Musik liegen. Wir haben in Dr. Joachim Kaiser einen der drei besten deutschen Musikkritiker gewonnen, uns eine Serie über die bedeutendsten lebenden Pianisten zu schreiben. Sie stützt sich auf eine Sendereihe des Westdeutschen Rundfunks und wird ihrerseits die Basis bilden für ein Buch „Die großen Pianisten in unserer Zeit“ (Rütten & Loening Verlag).

Die mitteleuropäische Konzertkultur, die sich mittlerweile über die ganze Welt ausgebreitet hat, ist kein Geschenk. Sie will immer wieder neu erworben und verteidigt sein.

Manchmal scheint es, als gehörte die noble, individuelle, gesellige Lust am Klavier und seinem Ausdruck einer versinkenden Epoche an. Man braucht sich dabei gar nicht die immer besonders exaltierte Zuhörerschar von Chopin-Abenden zu vergegenwärtigen, wo erlesene Toiletten, rhetorisch rote Haare, flammend verfallene Augen den Ästheten an Dekadenz, den Mediziner an Morphium denken lassen. Man könnte auch argwöhnen, daß im Zeitalter der bedrohten Hausmusik, der Schallplattenkultur und der Massenmedien das Ritual der Konzerte, das Interesse für etwas lockerer gespielte Oktaven oder sensibler begriffene Pralltriller gewissermaßen Marotte einer aussterbenden Kaste ist. Denn das Konzert stellt eine zwar geliebte, aber notwendig archaische Form öffentlicher Kunstübung dar. Diese Form wird erhalten bleiben, solange Bachs Fugen, Beethovens Sonaten, Chopins Etüden oder Brahms’ Intermezzi noch Bestandteile unseres geistigmusischen Seins sind und persönlich-spontane Auslegungen provozieren.

Keine Art der Kunstübung läßt sich denken, wo in solchem Maße wie beim Klavierspiel alles vom einzelnen, seinem Empfindungs-, Gestaltungs- und Dispositionsvermögen abhängt – und gemeistert werden kann. Selbst der Sologeiger oder Sänger benötigt im allgemeinen einen Begleiter oder ein Orchester. Auch Dirigenten, so selbstherrlich sie manchmal erscheinen, bleiben ohne den lebendigen Widerhall eines Orchesters tot. Nur der Pianist – und in entscheidend anderer, weniger konzertanter und individueller Weise der Organist – ist ganz auf sich gestellt, bietet im Zeitalter der Arbeitsteilung, des Teamworks, der vielseitigen Spezialisierung und Absicherung das vielgeliebte Bild des heroischen, großen einzelnen. Er hat etwas vom einsamen Helden, vom Gladiator. Solange dieses Subjekt noch interessiert, solange man es noch vernehmen will, so lange wird die archaische Form der Klavierabende leben.

Mit der einsamen Selbständigkeit des Klaviers hängt zusammen, daß die Tasteninstrumente seit den Tagen von Johann Sebastian Bach zum Intimbezirk der großen Komponisten gehörten. Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin, Liszt, Brahms und Reger traten als Klavierspieler hervor. Sie alle schrieben „für sich selbst“, machten das Pianoforte zum Ort ihrer persönlichen Experimente.

Beethoven war auf dem Klavier seinem Komponieren immer voraus – er hat bestimmte dynamische, formale und harmonische Bezirke seines Komponierens zuerst auf dem Klavier erprobt und entdeckt. Seit Chopin, Liszt, D’Albert und Rachmaninow gibt es den Typus des geistvollen Komponisten und Virtuosen. Es war höchst folgerichtig, daß der gewaltigste aller Pianisten, nämlich Franz Liszt, auch die Form des Soloabends einführte.