In Kiel wurde vorige Woche ein Mann, der bei roter Ampel einen Zebrastreifen überquert hatte, zu einer Woche Haft verurteilt. Zwar erhielt er Bewährungsfrist, aber bestraft ist bestraft. Er hatte übrigens zweieinhalb Promille im Blut.

Es lohnt sich, das Urteil von Kiel näher zu betrachten.

In einem französischen Film, der den Titel „Affe im Winter“ trug, spielte sich eine Szene ab, die ungeheuerlich belacht wurde: Ein Betrunkener (dargestellt von Belmondo) tänzelte auf der Fahrstraße, und wenn ein Auto um die Kurve sauste und sich ihm näherte, so nahm er es an wie ein Torero, der dem Kampfstier entgegentritt und sich erst im letzten Augenblick vor dessen Hörner mit einem eleganten Schwung der Hüften rettet. Sehr lustig! Aber wer es einmal erlebt hat, wie in einem Dorfe, das gerade Schützenfest gefeiert hatte, gleich drei Toreros mit geschwungenen Flaschen dem Auto entgegentorkelten, der kann sich an der Komik solcher Szene nicht mehr so recht von Herzen erfreuen. Vielleicht hat der Richter von Kiel etwas Ähnliches erlebt. Er sagte, ein betrunkener Fußgänger könne ebensoviel Unheil anrichten wie ein betrunkener Kraftfahrer. Er hatte recht:

Andererseits hat das Urteil von Kiel aber auch eine Tendenz, die traurig stimmt. Autofahrer haben sich allmählich daran gewöhnt, daß sie in Prüfblasen pusten und es sich gefallen lassen müssen, ein bißchen angebohrt zu werden. Die Kieler Angabe über „zweieinhalb Promille“ aber erinnert daran, daß Fußgänger ebenfalls in Gefahr schweben, derartig polizeilich-medizinisch behandelt zu werden. Wo aber sollen sie hin mit so vielen Promillen?

Nur in den wenigsten Fällen wird der Wirt sie auf dem Kneipenboden die Nacht weiterverbringen lassen. Und wenn das Gesetz bestimmt, daß ein betrunkener Autofahrer sich bereits schuldig macht, noch ehe er Unheil anrichtet, so wird dies bei betrunkenen Fußgängern nicht anders sein. Selbst, wenn er brav auf dem Bürgersteig dahintaumelt und keine Miene macht, bei „Rot“ einen Zebrastreifen zu überqueren, so steht doch fest, daß er es tun könnte (und dabei noch unflätige Worte gegen Autofahrer oder seine unschuldige Ehefrau hervorstoßen, was schon vorgekommen ist).

Das Urteil von Kiel ist zwar vorbildlich darin, daß es sagt: Alle Betrunkenen sind vor dem Gesetz gleich. Dies aber sollte eine Konsequenz nach sich ziehen: die Einführung eines Fußgängerscheines. Es müßte doch gerechterweise irgendein Dokument vorhanden sein, damit es dem schuldigen Fußgänger abgenommen werden könnte.

In Wirklichkeit hat das Urteil von Kiel eine allgemeine Tendenz. Es richtet sich – ob beabsichtigt oder nicht – gegen die Betrunkenheit an sich: gegen den Alkohol, zumindest gegen alkoholischen Überschwang.

Noch ein solches Urteil, und wir Deutsche werden sein, was wir nie waren: vom Scheitel bis zur Sohle, vom Meer bis zu den Alpen, von Helmstedt bis Aachen ein maßvolles Volk.