Juden haben Theater zu spielen

Von Hermann Lewy

Herbert Freeden: Jüdisches Theater in Nazideutschland; J. C. B. Mohr Verlag (Paul Siebeck), Tübingen; 184 Seiten, 23,50 DM,

Den Titel "Jüdisches Theater in Nazideutschland" hören heißt sicherlich für viele gleichzeitig die Frage aufwerfen, ob dergleichen im totalitären Staat Hitlers, in dem die "Endlösung" der jüdischen Frage Primat besaß, überhaupt möglich gewesen ist. Jüdische Künstler, Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller waren die ersten, die Hitlers Bannstrahl getroffen hatte und denen die Ausübung ihres Berufes verboten wurde. Wie konnte sich, da brutale Erniedrigung, Diskriminierung und wachsende Verfolgung, die bis zur Ausrottung ging, im Vordergrund standen, jüdisches Theater entwickeln? Hier offenbart sich die schizophrene Denkungsart der Nationalsozialisten, die ja auch die Deportierten in Theresienstadt, Tod und Vernichtung vor Augen, Theater spielen ließen. Es entsprach ihrer Absicht, nach außenhin vorzutäuschen, daß Juden kulturelle Autonomie besäßen.

Aber nicht nur dies war ein Grund, auch die Widersprüche und Personenkämpfe, Machthunger und Geltungssucht der führenden Nazis führten dazu, daß der Jüdische Kulturbund im Jahre 1933 von obenher dekretiert wurde und sich einige Jahre hindurch über das ganze Reich auszubreiten vermochte.

Den jüdischen Künstlern bot er nur eine Möglichkeit, ihre Existenz zu fristen und die Auswanderung allmählich vorzubereiten, die Tätigkeit für den Kulturbund war für sie wie ein Strohhalm, an den sie sich klammern konnten, um der drohenden Deportation zu entgehen. Außerdem erkannten die Beteiligten die Gelegenheit, durch Spielplangestaltung und Ausführung der Zersetzung der deutschen Kultur Widerstand zu leisten. Man kann heute nicht darüber rechten, ob die leitenden Persönlichkeiten des Jüdischen Kulturbundes das Recht hatten, sich auf Gedeih und Verderb den Machthabern auszuliefern oder ob es angebracht gewesen wäre, die Hand der Henker auszuschlagen und ihrer Forderung nach jüdischem Theater zu widerstehen. Eine derartige Ablehnung wäre Selbstmord gewesen und, hätte niemandem genutzt, so leicht es wäre, heute zu sagen: Wie konntet ihr nur!

Die Juden hatten Theater zu spielen. Das war Anordnung, Befehl, Gesetz, obgleich es allen Beteiligten schwerfiel, inmitten einer Welt, die in Trümmer ging, angesichts dessen, daß sie mehr und mehr rechtlos wurden, Verfemte, Jagdwild für alle Gelüste der "Herrenrasse"-Theoretiker, buchstäblich den Vulkan vor Augen, Theater zu

Herbert Freeden, als Herbert Friedenthal sowohl verantwortlich für die Mitteilungsblätter und Programmhefte des Jüdischen Kulturbundes wie auch Regie-Assistent von Fritz Wisten, hat ein Werk geschaffen, das, auf Dokumente gestützt, zeigt, wie das jüdische Theater zum Vermittler der hohen unvergänglichen Kulturideale der Menschheit wurde und zu einer politischen und geistesgeschichtlichen Erscheinung von bleibendem Wert.

Juden haben Theater zu spielen

Erinnert man sich der Persönlichkeiten, aus denen das Ehrenpräsidium und der Vorstand des Kulturbundes bestand, dann ist zu erkennen, daß alle im Judentum vorhandenen Strömungen vertreten waren, sowohl Repräsentanten des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wie der verschiedenen zionistischen Organisationen, unter ihnen Rabbiner Leo Baeck, Martin Buber, Arthur Eloesser, Georg Hermann, Max Liebermann, Max Osborn, Franz Oppenheimer, Jakob Wassermann, Julius Bab, Eva Reichmann-Jungmann.

Der Kulturbund war der Ausdruck des jüdischen Willens zum Leben. Als Mahatma Ghandi, der berühmte indische Weise, in einem offenen Brief an Martin Buber und Leo Baeck die Juden Deutschlands aufforderte, ihr Leben auf dem Altar des passiven Widerstandes darzubringen, gab ihm Buber in Übereinstimmung mit Leo Baeck die Antwort: Die Haltung der Gewaltlosigkeit einer "dämonischen Universalwalze" gegenüber sei sinnlos. Martyrium bedeute Zeugenschaft. Die Judenfeinde seien aber nicht bereit, das Zeugnis anzunehmen. Damit sei freiwilliges Martyrium sinnlos geworden. Judentum sei eine Lehre des Lebens und nicht des Todes.

Herbert Freeden hat mit außerordentlicher Sachlichkeit und doch sehr fesselnd und ohne sich zu Gehässigkeiten verleiten zu lassen – was nicht schwer gewesen wäre – mit wissenschaftlicher Genauigkeit mit seinem verdienstvollen Werke eine Dokumentation geschaffen, die der Nachwelt Erklärung und Aufklärung gibt über die Situation der deutschen Juden auf gespenstischem Hintergrund. Während der Mob sich auf den Straßen austobte, Hemmungslosigkeit gegen Juden zur Tagesordnung gehörte, verkündeten die Verfolgten mit Lessings Worten (der "Nathan" war die erste Premiere des Kulturbundes) Menschlichkeit und Toleranz, ethische Begriffe, die der Umwelt verlorengegangen waren. Jüdische Künstler begegneten Brutalität und Barbarismus mit dem Erhabenen des Menschenbildes, sie kleideten in Dichtung und Musik ihre Antwort an die verbrecherische, humane Gesetze mißachtende Macht.