Schon als kleines Mädchen habe ich mich gelegentlich gefragt, wer wohl die Damen seien, die meine geliebten Kinderbücher schrieben. Aber während über die Autoren der in unsern Schulbüchern abgedruckten Lesestücke verhältnismäßig leicht Auskunft zu bekommen war (die diese meist längst Verstorbenen auf einen mich nur mäßig interessierenden Olymp entrückte), blieben die Spenderinnen weit beglückender Lektürestunden in ein Inkognito gehüllt, das die bloße Nennung ihres Namens keineswegs lüftete. Besonders schmerzlich war mir das bei Else Ury, der Verfasserin unzähliger Bände, die von „Nesthäkchen“ und „Professors Zwillingen“ berichteten. Aus diesen Büchern ging hervor, daß ihre Autorin sich im Hafen von Neapel genauso gut auskannte wie mit dem Treptower „Eierhäuschen“, daß sie im Riesengebirge gerodelt und am Strand von Wittdün Muscheln gesammelt hatte. Was mich besonders faszinierte war, daß sich Else Ury ihre von mir bewunderte Weitläufigkeit nur wenige Jahre, ehe ich von diesen Herrlichkeiten las, erworben haben mußte. Wäre mir dieser Gemeinplatz damals schon bekannt gewesen, hätte ich sie vermutlich als eine Frau-bezeichnet, die mitten im Leben steht. Und der Verdacht, daß ich vielleicht das Leben mit meinen Kinderphantasien davon verwechselte, ist mir erst sehr viel später gekommen.

Auch die Autorinnen der Mädchenbücher, die ich heute nicht mehr ganz so begeistert lese, bleiben mir meist unbekannt. Aber wenn ich sie mir vorzustellen versuche, ertappe ich mich immer, wieder dabei, daß ich an pensionierte Studienrätinnen denke. An weißhaarige alte Damen hinter Fenstern und Mullgardinen, an denen eine Passionsblume blüht und ein Kanarienvogel tiriliert.

In Zimmern mit beigefarbenen Tapeten, vor denen in schmalen Rähmchen Dürers „Hände“ und die Uta von Naumburg hängen, während einstige Schülerinnen bei einer Tasse dünnen Tees von einer sehr fernen und meist bösen Welt erzählen. Ich weiß, ich sollte mich solcher Vorstellungen schämen. Schon deshalb, weil die pensionierten Studienrätinnen, die ich kenne, ihnen durchaus nicht entsprechen. Denn was ich mir da so bequem zur Hilfe hole, ist ein Klischee, also genau das, was ich den Autorinnen dieser Bücher vorwerfe.

Als eine von ihnen jüngst ihr relatives Inkognito lüftete und mich wissen ließ, sie stehe „als berufstätige Witwe mitten im heutigen Leben“, traf sie darum einen wunden Punkt bei mir. Freilich nicht so sehr, weil die sympathische Lebenstüchtigkeit der Schreiberin, die aus ihrem Brief hervorging, mein Urteil über ihr Buch geändert hätte. Sondern weil mir wieder einmal klarwurde, daß man keineswegs im Austragstübchen sitzen muß, um bei der Darstellung heutigen Lebens auf Klischees aus einer abgelebten Zeit zurückzugreifen.

Klischees sind natürlich nicht nur in deutschen Mädchenbüchern zu finden, aber in ihnen doch leider unverhältnismäßig oft, während es zum Beispiel in den besseren Erzählungen dieses Genres, die über den Atlantik zu uns kommen, sehr viel realistischer zugeht. Daraus den Schluß zu ziehen, es handele sich bei den amerikanischen Jugendschriftstellerinnen im allgemeinen um originalere Talente als bei den hiesigen, wäre indessen sicher verfehlt. Es sieht sogar so aus, als hätten die amerikanischen Autorinnen in puncto Originalität viel weniger Ambitionen, als das hierzulande üblich ist. Denn man spürt bei ihnen deutlich, daß sie sowohl literarisch wie pädagogisch nach erprobten Strickmustern arbeiten. Dorothy, Mary oder wie ihre jugendliche Heldin sonst heißen mag, muß eigentlich immer die gleichen Dinge lernen: daß ihre Eltern Menschen mit Schwierigkeiten und sogar Fehlern sind, daß eine erste Liebe zwar eine aufregende Angelegenheit, aber kein Gefühl von Dauer ist und daß es für das junge Mädchen selbst höchste Zeit ist, aus seinen Kinderträumen aufzuwachen und als selbständiger Mensch die Erfolgchancen zu ergreifen, die jedes Leben bietet. Ob es ein Unglück ist, als Kind aus einer geschiedenen Ehe aufzuwachsen, ob heutige Lebensformen dem Wesen der Frau entsprechen und ob die Welt vielleicht überhaupt anders sein sollte, als sie hier und heute nun einmal ist, klingt auch als Stimmung niemals an. Hier und heute sind in diesen amerikanischen Büchern unabänderliche Gegebenheiten, und die Aufgabe der jungen Menschen ist es lediglich, sich in dieser Realität zurechtzufinden.

Deutsche Autorinnen machen sich die Sache schwerer und scheitern oft daran. Fast alle haben sie die Allüren kleiner Demiurgen und wollen in ihren Büchern – zumindest partiell – eine bessere, vorbildliche Welt erschaffen. Besonders beliebte Objekte für dergleichen Absichten sind vor allem die Elternfiguren, deren Vortrefflichkeit kein Zweifel überschatten darf. Gewiß sind auch in der Wirklichkeit die meisten Eltern keine totalen Versager, aber da das Bewußtsein von der Möglichkeit des Versagens dem heutigen Lebensgefühl tief eingewurzelt ist, lassen sich ohne diesen Aspekt heute auch keine überzeugenden Elternfiguren mehr zeichnen.

Wer das zu überspielen versucht, begibt sich auf höchst unsicheres Terrain. Er verläßt sich nämlich auf unkontrollierte Wunschvorstellungen und Tagträume, in denen wir bekanntlich auch aus den heikelsten und gefährlichsten Situationen ungebrochen als strahlende Sieger hervorgehen. Wenn derlei aber schließlich zu Papier gebracht ist, nimmt es sich keineswegs mehr so überzeugend und vor allem nicht mehr so originell aus, wie es zuvor vermutlich empfunden wurde. Dann entpuppen sich nämlich zum Beispiel die nimmer versagenden Eltern als ein höchst triviales Klischee, dem man allenthalben wiederbegegnet. Was vor sechzig Jahren bei der „Familie Pfäffling“ noch stimmte, weil Eltern zwar nicht weniger oft versagten als heute, jedermann sich aber in seiner Vater- und Mutterrolle so sah, wie Agnes Sapper das darstellte, das geht heute an der Wirklichkeit vorbei. Auch an der Wirklichkeit, die diese Autorinnen in ihrem eigenen Dasein leben.

Was also tun? Der Ruf nach mehr Originalität würde das Übel gewiß nur verschlimmern. Denn wer der wirklichen Welt eine bessere, von ihm erdachte gegenüberstellen möchte, tut das ja meist im Namen der Originalität. Nützlich dagegen wäre es vielleicht, dem Klischee etwas von seinem schlechten Ruf zu nehmen. Denn ohne solche vorgefertigten Model kommt Gebrauchsliteratur nun einmal nicht aus, mag sie für große oder kleine Leute bestimmt sein. Wer sich darüber nichts vormacht und sich weniger auf die Fülle des eigenen Gemüts als auf brauchbare literarische Vorbilder verläßt, der wandelt einen sicheren Pfad. Denn in unserm eigenen Krautgärtlein wächst meist mehr Löwenzahn und Quecke, als wir selbst wahrhaben wollen. Arianna Giachi