Von Dietrich Strothmann

Das Zimmer liegt im siebenten Stockwerk des Abgeordneten-Hochhauses zu Bonn am Rhein. Es ist nüchtern, sachlich, eines von hundert Zimmern in diesem Parlamentariersilo. Sie gleichen sich alle: ein Schreibtisch, ein Schrank, ein Sofa, ein paar Stühle, helle Tapeten, ein großes Fenster. Es sind Räume ohne persönliche Note – Arbeitsplätze.

Der Mann, der hier im Zimmer 703 vor dem mit Briefen, Zeitungsausschnitten und Akten übersäten Schreibtisch sitzt, ist kein Träumer. Unter dem Wust von Papier liegen irgendwo auch ein paar seiner 500 Manuskriptseiten für ein Buch, das den Titel "Industrielle Herrschaft und sozialer Staat" tragen soll.

An der Tür steht "Ernst Benda, CDU-Abgeordneter". Ein Name, der seit fünf Monaten in vielen Blättern des In- und Auslandes stand, der immer wieder im Rundfunk und im Fernsehen auftauchte. Der bislang fast unbekannte Berliner Advokat nötigte seine Fraktion zu heftigen Diskussionen und zwang sie zu einem Bekenntnis.

Bei der Verjährungsdebatte im Bundestag saß Benda neben Adenauer. Diese Debatte, die er auslöste, hat ihn weit nach vorn gebracht. Doch Benda ist kein Star. Sein Gesicht hat weiche Züge. Von Energie, Ehrgeiz, Machthunger ist in ihm keine Spur zu entdecken. Die schmalen Augen hinter der randlosen Brille, die buschige braune Haartolle sind seine einzigen Kennzeichen. Auch in Bendas eher schlaksigen Haltung, seiner zuweilen noch linkischen Art steckt etwas Jungenhaftes, Berlinerisches. Ihn schreckt eher das Rampenlicht; am liebsten, so bekennt er ungeniert, würde er in seinem Garten das ganze Jahr über Spargel züchten.

Politische Karriere? "Na ja, aber versessen bin ich nicht darauf, ich kann es auch gut und gern woanders zu etwas bringen, angewiesen jedenfalls bin ich nicht auf eine Bonner Karriere oder auf die Diäten" (er leitet in Berlin mit einem Sozius ein gutgehendes, lukratives Anwaltsbüro).

Benda ist ein fleißiger Arbeiter, der genau kalkuliert, nichts überstürzt, der die Sachlichkeit zur Richtschnur seines Handelns nimmt – und sein Gewissen. Das, so scheint es, ist sein größtes Kapital. Auf ihn trifft zu, was der SPD-Kronjurist Adolf Arndt zum Schluß seiner Rede sagte: "Es geht darum, daß wir uns als das zusammenfinden, was wir sein sollen: kleine, demütige Kärrner, Kärrner der Gerechtigkeit, nicht mehr." Ernst Benda ist ein solcher Kärrner.