Sein Widerstand gegen die erste Kabinettsentscheidung, die den 8. Mai 1965 zum Stichtag der Verjährungsfrist bestimmte, wuchs aus Erfahrungen, die er im vergangenen Jahr während einer Israelreise gesammelt hatte. Gemeinsam mit seinem Parteifreund Kliesing sollte er sich auftragsgemäß an Ort und Stelle über die deutschen Waffenlieferungen informieren. Bei einem nichtoffiziellen Besuch in der Jerusalemer Gedächtnisstiftung Jadwa-schem berichtete ihm der Archivleiter von den unzähligen NS-Dokumenten in Warschau und Prag, die noch nicht ausgewertet worden seien. Damals faßte Benda den Entschluß, den Alleingang gegen Regierung und Fraktion zu unternehmen. Seine Devise: "Ein freier Mörder ist schon einer zuviel." Er trat dadurch in einen gewissen Gegensatz zu Justizminister Bucher, der sich damit abgefunden hat, "mit den Kaduks zu leben".

Staatsbürgerliche Courage hatte er schon bewiesen, als er, damals Amrehns Nachfolger in der Leitung der CDU-Studentengruppe an der Ostberliner Humboldt-Universität, sich an den Scharmützeln mit kommunistischen Kommilitonen beteiligte. Bekannt wurde auch diese Episode aus Bendas politischer Frühzeit: Nach einem einjährigen Studium an der amerikanischen Hochschule in Madison/Wisconsin besuchte er einmal eine Berliner DP-Versammlung; beim Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes blieb er ostentativ sitzen und wurde, womit er rechnen mußte, hinausgeworfen.

Die Furchtlosigkeit in der Verteidigung demokratischer Rechte und Pflichten ist das Erbteil seiner Vorfahren. Seine Eltern gehörten wählend der Herrschaft Hitlers zur Bekennenden Kirche. Bendas Großvater war Jude, ein – wie es damals hieß – "priviligierter Jude"; er hatte in vielen Fronten im Ersten Weltkrieg gekämpft, war mit dem EK erster Klasse dekoriert worden und wurde später Ministerialrat im Reichswehrministerium. 1932, so erinnert sich Ernst Benda noch heute, zum Geburtstag seines Großvaters, stand den ganzen Tag über eine Ehrenwache des "Stahlhelms" vor dessen Haus, und als in den Jahren darauf häufig Gestapobeamte in die Wohnung eindrangen, legte er stets seine Kriegsauszeichnungen an. "Er wurde aber irotzdem von ihnen zusammengeschlagen."

Es kam das Jahr 1943. "Mein Großvater, der mich noch am Tag meiner Einberufung als Marinefunker ermahnte, die Verbrecher nicht mit dem – wie er sagte – irregeleiteten Volk in einen Topf zu werfen und der 1938 öffentlich dagegen protestierte, daß er, der als junger Leutnant 1914/18 in den Karpathen gekämpft hatte, nicht für den Anschluß Österreichs mit abstimmen durfte, verließ nie mehr sein Zimmer."

Eines Tages fuhren Lastwagen in die Straße, die Juden wurden aus den Häusern getrieben und aufgeladen. Sie sollten nach Theresienstadt geschafft werden. Doch da geschah das, was Adolf Arndt in seiner Mittwochrede vor dem Bundestag als Vorbild eines tapferen Widerstandsgeistes zitierte: "Da waren die Frauen von Berlin, die nichtjüdischen Frauen der jüdischen Männer, die bei einer Aktion in die Staatspolizei-Leitstelle Große Hamburger Straße gebracht wurden, wo im nächsten Morgen spontan und unverabredet die diese Frauen erschienen ... in so großer Zahl, daß diese Frauen von Berlin ihre Männer tatsächlich herausgebracht haben." Eine dieser Frauen war Bendas Großmutter.