Von Helen von Ssachno

Der zweite Russische Schriftstellerkongreß, der am Sonntag, dem 7. März, nach fünftägiger Dauer in Moskau zu Ende ging, stellt das erste offizielle kulturpolitische Ereignis nach Chruschtschows Sturz dar und verleitet damit geradezu zu übereilten Trugschlüssen. Um das Mißverhältnis zwischen der beklemmenden Beredsamkeit in Fahrt geratener kulturpolitischer Funktionäre und dem befremdenden Schweigen der von ihr angegriffenen, schreibenden Elite verständlich zu machen, muß auf die Gründungsgeschichte des Russischen Schriftstellerverbandes zurückgegriffen werden, der als Organisator des Dichtertreffens fungierte.

Im Jahre 1956 hatte Scholochow auf dem Zwanzigsten Parteitag die Mitgliederzahl des Sowjetischen Schriftstellerverbandes mit 3773 angegeben, wovon 1200 allein in Moskau, der Stadt der nützlichen Kontakte, lebten. Zählte man die 307 Leningrader Schriftsteller hinzu, so ergab sich eine geistige Hypertrophierung der beiden Hauptstädte, die in der Zeit der Tauwetterwirren besonders unbehaglich stimmte. Nun konnte man natürlich nicht alle Schriftsteller in die Provinz verbannen, aber man konnte zusätzliche Kontrollorgane schaffen und durch eine geschickte Kulturpolitik eine gewisse Gewichtsverlagerung nach der Peripherie erzwingen.

So wurde im Jahre 1958 zusätzlich zum Sowjetischen Schriftstellerverband, dessen Moskauer und Leningrader Zentrale sich allzu aufnahmewillig für revisionistische Zersetzungserscheinungen erwiesen hatte, der Russische Schriftstellerverband ins Leben gerufen.

Jetzt, ein halbes Jahr nach Chruschtschows Sturz, fühlte sich der Verband bewogen, seinen zweiten Kongreß einzuberufen, um Warnungen, Rügen und polemische Fußnoten an die versammelten vierhundertneunundzwanzig Delegierten auszuteilen, unter denen sich, fast vollzählig, auch die gescholtene Prominenz befand. Der Russische Schriftstellerverband ist, zumindest was die Zusammensetzung seines Vorstandes und Sekretariats und damit seiner amtsführenden Organe anbetrifft, die Hochburg der Reaktion, der Sitz provinzieller Muffigkeit und damit die Zuflucht all jener, die nach rückwärts blicken.

So meldeten sich denn auch in erdrückender Mehrheit diejenigen zu Wort, denen Emanzipation und Toleranz den ideologischen Dornröschenschlaf rauben. Selbst Michail Scholochow, der Nestor der sowjetischen Epik, hielt sich für verpflichtete in das allgemeine Horn des Mißmuts zu blasen und die Versammlung darauf aufmerksam zu machen, daß das feindliche Ausland begierig jede Meinungsverschiedenheit als Zeichen einer innenpolitischen Krise auslegen würde.

Nun, Zeichen des Meinungsstreites waren insofern nicht zu beobachten, als die Gemaßregelten gar nicht zu Worte kamen. Um so wortgewaltiger gebärdete sich die zweite und dritte Garnitur sowie die reichlich versammelte politische Prominenz. Ihr Bekenntnis zur Trinität des Sozialistischen Realismus – Parteilichkeit, Optimismus, volksnahe Schlichtheit der Form – ist ohne Bedeutung. Aufschlußreich ist. dagegen ihr geradezu entfesseltes Wüten gegen die Ersahen und die Urheber des literarischen Revisionismus, weil hier ein grundsätzliches Spannungsverhältnis erfaßt wurde.