Ich bedauere es sehr, daß es noch keine Fernseh-Akademie gibt, die diesen hohen Namen verdient; es ist ein Jammer, daß die Rundfunkschulen, einst mit so viel Enthusiasmus begründet, dahinvegetieren. An Demonstrationsobjekten: Anschauungsmaterialien, mit deren Hilfe man den Regieassistenten und Novizen auf dem Feld der Dramaturgie Unterricht erteilen könnte, mangelt es nicht. Vor allem die Bearbeitungen, Transpositionen vom epischen ins dramatische Genre, Fernsehinszenierungen von Stücken, die ihre Premiere im Hörfunk erlebten, bieten sich geradezu an, um Szene für Szene miteinander verglichen zu werden. Dürrenmatts um- und umgewendete Panne wäre einer klugen Seminararbeit wert; auch Fred von Hoerschelmanns ruhmreiches Hörspiel „Die verschlossene Tür“ sollte man einmal in seinem Stationsweg verfolgen; Kuno F. Epples Fernsehfassung, von Dieter Lemmel inszeniert, zeigte die Diskrepanz zwischen Urbild und Abbild recht deutlich.

Während das Hörspiel in kurzen, schnell wieder ausgeblendeten Szenen den Weg des Umsiedlers Baron Kedell verfolgt, der Bruder stirbt, Baron und Baronin kommen ohne ihn im Warthegau an, beziehen das Gut Baranowo, das einmal dem Juden Levi gehörte, und richten sich ein: während das Hörspiel durch die Wiedergabe eines Fahrgeräuschs sofort von dem Satz „Ihr Schwager ist soeben gestorben“ zu der Einweiserbemerkung „Jetzt müssen wir gleich da sein, Herr von Kedell“ überspringen kann, gibt es im Fernsehen keine andere Wahl, als mit einer langen, ortsgebundenen Einleitungsszene zu beginnen (Kedell wird eingewiesen und trifft Herrn Levi, der ihn um Hilfe angeht), um dann den Tod des Bruders nachzuholen.

Das heißt, die Szenenfolge verschiebt sich, die Baronin darf eingangs nicht mit von der Partie sein, sie hat eine Botenfunktion und tritt deshalb erst später hinzu. Kleine Ursachen, so zeigt es sich, und weitreichende Folgen: anders als im Hörspiel, wo Mann und Frau dem Juden gleichzeitig begegnen und ähnlich reagieren, verlangt die zwiefache Konfrontation in der Fernsehfassung – dramaturgisch konsequent – nach einer zwiefachen Stellung gegenüber dem Juden: der Humanist Kedell bleibt allein.

So weit, so gut, und alle anderen Transpositionen auch nicht ganz falsch: ein edler Pole, der das Spiel Kedells durchschaut – Levi mit den Papieren des verstorbenen Bruders – und dennoch den Mund hält, um so als Widerpart der im Hörspiel dominierenden Schufte Polanski und Gurek ad majorem gloriam Poloniae das Seine zu tun; eine neu motivierte Schürzung des Knotens; dazu die Schachspielszenen, die der Hörfunk akustisch nicht angemessen wiedergeben kann... alles richtig und wohl überlegt, aber die Zeitsprünge blieben, der Ablauf von Jahren wurde niemals plausibel; Gespräche, zwischen denen Monate lagen, nahmen sich aus wie Dialoge einer Nacht. Das Hörspiel schimmerte durch, die erste Fassung war zu gut, um mit Hilfe einer technisch noch so geschickten Transposition in ein anderes Genos verwandelt werden zu können.

Ich schaltete ab, als die Bildtafeln kamen (Bipertis Baltisch, um auch das noch zu sagen, war glänzend) und hörte mit, wie Herr von Studnitz, im Gespräch mit Herrn Strauß, sich zu der Behauptung verstieg, man hätte, um des Alibis willen, besser getan, den Israelis Waffen über Mittelsmänner zukommen zu lassen. Franz Josef Strauß replizierte entsprechend: einmal an Unmoral überboten zu werden, das war ganz nach seinem Geschmack. Kurz entschlossen schlug er zu, ein Ethiker, wie er im Buch steht, und der Zuschauer mußte mit ansehen, wie hier ein nationaler Mann den andern überbot. Momos