Bislang stand es fest: Die Aktie repräsentiert einen Substanzwert. Sie schützt damit gegen Gefahren der Geldentwertung. Nach zwei Inflationen hatte es sich als richtig erwiesen, Sachwerte zu besitzen, denn die Anlagen auf Geldwertbasis (vor allem Sparkonten und festverzinsliche Wertpapiere) wurden jedesmal scharf zusammengeschnitten. Und wenn in diesen Tagen die Aktienbesitzer an den Bankschalter kommen, um über den Kursverfall an den deutschen Börsen zu klagen, dann erklärt man ihnen tröstend: „Es wird schon wieder besser werden. Schließlich ist die Aktie ein Substanzwert und ihr Kurs wird sich im Zuge der ständigen Kaufkraftverminderung der Mark schon wieder verbessern!“ Stimmmt das aber wirklich? Diese Frage untersuchte das Hamburger Bankhaus Schröder Gebrüder & Co. Es kommt dabei zu Feststellungen, meine verehrten Leser, über die es sich zu sprechen lohnt.

Das Bankhaus Schröder Gebrüder interessierte die Frage, welchen Einfluß die schleichende Geldentwertung auf Aktien bzw. deren Kursentwicklung hat und in Zukunft haben könnte. In seinen Betrachtungen schloß es ausdrücklich die Diskussion darüber aus, ob eine schleichende Geldentwertung vermeidbar ist oder nicht. Vielmehr wurde die schleichende Inflation als eine gegebene Tatsache hingenommen, aber die Einschränkung gemacht, daß ihre Skala von der „beinahe galoppierenden“ italienischen über die mildere französische Geldentwertung bis hin zu der relativen Geldwertstabilität der Bundesrepublik reicht.

Der Slogan, daß der Besitz von Aktien vor der Geldentwertung schütze, weil die in Aktien verbriefte Substanz vor Kaufkraftverlusten sicher sei, wird bereits am italienischen Beispiel ad absurdum geführt. Denn in den letzten Jahren hat die italienische Währung viel von ihrer Kaufkraft verloren. Aber dieser Prozeß war nicht von steigenden, sondern von fallenden Aktienkursen begleitet. Gemessen an dem Höchststand betrugen die Kursverluste italienischer Aktien im Durchschnitt etwa 60 Prozent. Mit Recht weist das Hamburger Bankhaus daraufhin, daß der Besitzer italienischer Aktien zu den Kaufkraftverlusten der italienischen Währung noch die Kursverluste seiner Aktien addieren muß, um seinen realen Vermögensverlust zu erkennen. In Frankreich liegen die Verhältnisse ähnlich.

Um von vornherein dem Einwand zu begegnen, daß in beiden Ländern die politischen Verhältnisse allein den Kursverfall verursacht haben, wurden auch die Verhältnisse in der politisch stabilen Schweiz untersucht. Auch hier hatten inflationistische Tendenzen nicht etwa eine Höherbewertung der Aktien zur Folge. Schröder Gebrüder sieht in der recht kräftigen Baisse an den Schweizer Börsen den Beweis dafür, daß sich der Zusammenhang zwischen Geldwertminderung und Bewertung der Aktien verändert hat.

Die Ursache dafür liegt – wie die Untersuchung meint – in der Tatsache, daß die Inflation ihren Charakter gewandelt hat. Zollabbau und freie Konvertierbarkeit der wichtigsten Währungen bei starren Wechselkursen führen heute dazu, daß Inflation auf lokalen Märkten zu einem internationalen Ereignis wird. Die von Inflationstendenzen bedrohten Staaten bekämpfen heute eine solche Entwicklung mit Hilfe von Konjunkturdämpfungsmaßnahmen, die auf die Börse mittelbar einen enormen psychologischen Druck ausüben, weil sie in ihrer Optik und ihrem Inhalt nach einem Eingriff des Staates in die Privatinitiative gleichkommen.

Als Hauptursache der Geldentwertung in den westlichen Ländern sieht Schröder Gebrüder neben den vom Staat ausgehenden inflationistischen Tendenzen die periodisch überproportional steigenden Löhne, die immer wieder, einmal dem Produktivitätsfortschritt davonlaufen. Teilweise wird die Lohnpolitik bewußt unter dem Motto „Umverteilung der Gewinne“ betrieben. Sie geht zu Lasten der Unternehmen, und damit auch der Aktienkurse. Ein periodisch wirkender überproportionaler Kostenanstieg mit Druck auf die Gewinnspannen kann nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung durch entsprechende Rationalisierungsmaßnahmen aufgefangen werden. Phasen, in denen die Gewinne schneller steigen als die Kosten, dürften sich daher periodisch mit Phasen ablösen, in denen die Kosten schneller wachsen als die Gewinne.

In der Vergangenheit war Inflation vielfach gleich Preisinflation, das heißt in solchen Zeiten konnten die Unternehmer selbst bei stagnierenden oder rückläufigen Umsätzen höhere Gewinne erzielen. Wenn am Ende einer solchen Preisinflation gar eine Abwertung drohte, war eine Höherbewertung der Aktien gerechtfertigt, denn die in der Zwischenzeit erzielten Gewinne waren ja re-investiert und in Substanz umgewandelt worden.