Klassik ist im allgemeinen Sprachgebrauch das fraglos Gute und Wertvolle. Der Kampf um die Anerkennung ist seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten verraucht, das Urteil steht fest: die Griechischen Heldensagen oder Huckleberry Finn – zu beidem braucht man nicht mehr viel zu sagen.

Doch selbst in diesem literarischen Hochgebirge liegen Gipfel im Schatten: im Werk mancher Klassiker haben die Generationen vor uns dies oder jenes Stück beharrlich umgangen (oder so bearbeitet, daß es – wie zum Beispiel der Robinson – Zur Unkenntlichkeit verändert wurde).

Eine solche Neuentdeckung für Kinder sind „Die Brüder des Zaren“ von Leo Tolstoi. Er hat sie für die Schulen geschrieben, die er selber eingerichtet hat, und am Schluß der 25 Geschichten wird eine Briefstelle von Tolstoi zitiert: „Aus dieser Nowaja Asbuka werden alle russischen Kinder, die des Zaren und die des ärmsten Bauern, lernen. So werden sie ihre ersten dichterischen Eindrücke durch sie empfangen. Und so kann ich, da ich sie geschrieben habe, ruhig sterben.“ Diese gelassene Feststellung – deren erster Teil das Motto der gesamten Kinder- und Jugendliteratur sein sollte – besitzt in ihrem zweiten Teil jene Mischung von Demut, List und Selbstbewußtsein, die auch die Muschiks und Bären, die reichen Bauern und die Zaren dieser kleinen Lehrstücke auszeichnet: Witz und Lebensweisheit, in der tatsächlich klassischen Kurzform. Vorzüglich von Hans Baumann übersetzt und noch besser von Stefan und Marie-Luise Lemke-Pricken illustriert (Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 63 Seiten, 4,80 DM).

Ebenfalls aus Rußland: „Die Reise zur Schwester Sonne“ von Karl Rauch. Das sind nacherzählte Volksmärchen und Spinnstubengeschichten, Tierfabeln und Schelmengeschichten. Man begegnet den bekannten Motiven: dem dummen Hans, dem verwandelten Königssohn, dem flüchtenden Pfannekuchen. Diesen Klassikern geben ein paar sehr reizvoll und persönlich wiedergegebene Märchen einen hübschen Gegensatz (Herder Verlag, Freiburg; 120 Seiten, 7,80 DM).

Aus Amerika stammt das Kinderbuch „Der Zauberer Oz“ von L. Frank Baum. Hier ist es noch ziemlich unbekannt, in amerikanischen. Kinderbücherschränken hat es jedoch seinen festen Platz. Die Geschichten sind kurz nach der Jahrhundertwende geschrieben, um den Kindern ein Märchen ohne die „Schrecken“ der als teutonisch grausam empfundenen Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu geben. Natürlich steckt aber auch dieses Märchen voller Hexen und Geister, die für Spannung sorgen (Cecilie Dressler Verlag, Berlin; 208 Seiten, 8,80 DM).

„Der Goldkäfer“ von Edgar Allan Poe ist ein neuer Band der Reihe „Meistererzählungen für die Jugend“ und enthält drei phantastische Erzählungen: Goldkäfer; Geschichte aus den rauhen Bergen; Feuerpferd. Die Bearbeitung übersteigt nicht das normale Maß der Kürzungen und leichten Freiheiten in der Übertragung und gibt, einen recht guten ersten Eindruck von dem amerikanischen Dichter (Arena Verlag, Würzburg; 92 Seiten, 5,80 DM).

Eine weitere Auswahl: „Rauhe Sitten in Tennessee“ von Mark Twain. Hier wurden aus dem ganzen Werk des Dichters Partien zusammengetragen und zu siebzehn Geschichten frisiert oder addiert. Eine schöne Leseportion, aber es wäre wünschenswert gewesen, wenn Karl F. Kohlenberg, Übersetzer und Herausgeber, die Herkunft der einzelnen Geschichten wenigstens in Stichworten angegeben hätte. Damit wäre dem jungen Menschen gleichzeitig eine ganz informative Übersicht über das Werk Mark Twains vermittelt worden (Union Verlag, Stuttgart; 284 Seiten, 7,80 DM).

Vollkommen ohne einen Kommentar ist „Münchhausen“ von Gottfried August Bürger nichts als eine Sammlung kurioser Lügengeschichten. Auch diese Neuausgabe eines der schönsten deutschen Volksbücher ist ästhetisch hervorragend und beispielhaft und für einen Erwachsenen mit literarhistorischer Bildung auch ausreichend. Für einen jungen Menschen wäre auch hier ein kurzer, erklärender Text am Platze gewesen: Warum Münchhausens Abenteuer nicht vom Baron Münchhausen selbst? Und was ist es mit Immermanns Münchhausen? Ist Bürgers Fassung die beste oder die authentischste? (Ellermann Verlag, München; 160 Seiten mit Zeichnungen von Gerhard Oberländer, 18,50 DM.) Schl