Die Deutschen genießen in Italien den Ruf der Ernsthaftigkeit und der Konsequenz – nicht nur im Guten, sondern sogar im Bösen. Es ist sonderbar, daß Indro Montanelli ausgerechnet für ein deutsches Publikum einen so wenig ernsthaften und konsequenten Artikel geschrieben hat.

Einerseits behauptet er, daß das italienische Risorgimento nur von einer Minderheit von Intellektuellen durchgeführt wurde, unter der Gleichgültigkeit und zuweilen auch der Feindseligkeit der Majorität des Volkes; andrerseits behauptet er, daß die italienischen Intellektuellen auf eine Tradition von feigem und kriecherischem Konformismus zurückblicken. Anscheinend hält er also die Deutschen für unfähig zu verstehen, daß zwei und zwei vier ist, und daher nicht gleichzeitig fünf ergeben kann.

Wenn die italienischen Intellektuellen während des italienischen Risorgimento den Mut hatten, allein oder fast allein für die Freiheit zu kämpfen, so bedeutet dies doch wohl, daß die italienischen Intellektuellen auf eine Tradition von liberalem Kampf, und nicht von Feigheit und Konformismus zurückblicken. Wenn aber die italienischen Intellektuellen immer kriecherische Höflinge waren, so ist dies ein Zeichen, daß das Risorgimento nicht ihr Werk war, sondern das anderer sozialer Stände.

Weiter behauptet Montanelli, die konformistische Gesinnung der italienischen Intellektuellen lasse sie den Kommunisten hörig werden und mache sie ungerecht gegen die Deutschen. Nun bilden ja die italienischen Kommunisten eine Minderheit, die der Opposition angehört und die von der Regierung und der katholischen Kirche angefeindet wird. Wenn also die italienischen Intellektuellen die Kommunisten lieben – was durchaus nicht bewiesen ist –, so bedeutet das doch, daß sie die Opposition lieben und folglich keine Konformisten sind. Sind sie aber Konformisten, so will das heißen, daß sie sich an die antikommunistischen Richtlinien der Kirche, der Regierung und der Mehrheitspartei, also der christlichdemokratischen Partei, halten und daß sie somit nicht den Kommunisten hörig sind.

Sind andrerseits die Kommunisten wirklich so einflußreich in Italien, wie Montanelli behauptet, so bedeutet dies, daß viele Italiener von dem Denken eines deutschen Philosophen wie Karl Marx beeinflußt sind. Und so bedeutet es dann auch, daß Montanelli Falsches schreibt, wenn er erklärt, daß sich die Italiener ihre Ansichten nur im Kino bilden. Ich hoffe, daß nicht einmal. Montanelli zu behaupten wagt, „Das Kapital“ sei ebenso sinnlich wie Brigitte Bardot.

Hingegen gebe ich zu, daß die gegenwärtigen deutschen Politiker keine besondere Anziehungskraft auf die Italiener ausüben. Es ist leider unbestreitbar, daß viele Italiener die Prosa von Thomas Mann fesselnder finden, als die des Kanzlers Erhard, und daß viele andere Italiener Kants Gedanken tiefer finden, als die des Herrn Strauß. Es mag ja sein, daß diese bedauerliche Tatsache durch die frivole Oberflächlichkeit der Italiener bedingt ist. Merkwürdig ist nur, daß man in einem so frivolen und oberflächlichen Lande wie Italien gerade für die deutsche Philosophie ein so großes Interesse hegt.

Montanelli ist ein Journalist, der eher für seine mehr oder weniger geschmackvollen Witze bekannt ist, als für seine Kultur. Vielleicht hat er nie eine höhere Schule oder Universität besucht, sonst hätte er feststellen können, daß das deutsche Denken von Kant, Hegel und Marx bis zur Phänomenologie und zum Existentialismus ein Teil des vorgeschriebenen Studienplanes der gebildeten italienischen Jugend ist. Er müßte auch wissen, daß Italien voriges Jahr während der Florentiner Musikfestspiele (Maggio Musicale di Firenze) sämtliche Veranstaltungen der Musik, der Malerei und der Filmkunst des deutschen Expressionismus gewidmet hat.