M. W., London, im März

Nach dem Kreuzverhör, dem Harold Wilson im Unterhaus unterzogen wurde, ist kaum noch zu bezweifeln, daß es ihm bei seinen Bonner Gesprächen nicht gelang, von Bundeskanzler Erhard zu irgendeiner wichtigen Frage das letzte Wort zu hören; nicht einmal das vorletzte oder vorvorletzte. Es scheint, daß überhaupt kein konkretes Wort gesprochen wurde. Großbritannien liegt bekanntlich einiges daran, von Erörterungen einer politischen Einigung Europas nicht radikal ausgeschlossen zu werden. Harold Wilson vertrat diesen britischen Wunsch Dr. Erhard gegenüber mit Nachdruck, aber – so sagte er im Unterhaus – „... wir waren nicht sehr erfolgreich damit, Anerkennung für diese Proposition zu finden“.

Ebensowenig erfolgreich war der Premierminister mit seinem Versuch, den Bundeskanzler zu einer gemeinsamen britisch-deutschen Initiative zu bewegen, um eine multilaterale Diskussion des ANF-Projekts in Gang zu bringen. Der Bundeskanzler fegte das Projekt nicht vom Tisch, begnügte sich aber mit dem Ausdruck eines allgemeinen und distanzierten Interesses. Es bleibt Großbritannien überlassen, den Plan einer atlantischen Nuklearmacht im NATO-Rahmen zur Erörterung zu bringen.

Die größten Schwierigkeiten aber machte Harold Wilson im Unterhaus die Tatsache, daß er in der Frage der Devisenkosten der Rheinarmee praktisch nichts erreicht hat, außer der Zusicherung guter Absichten; solche Zusicherungen von seiten Adenauers und Erhards hatten auch Macmillan und Douglas-Home (vertreten durch den damals zuständigen Minister Boyd-Carpenter) schon heimgebracht.

Wilson gab zu verstehen, der Bundeskanzler habe eingesehen, daß eine der wesentlichen Ursachen des britischen Zahlungsbilanz-Defizits „unsere Überseeaufwendungen für militärische Zwecke sind, darunter 90 Millionen Pfund in Deutschland“. Hierzulande erscheint es als ein bitteres Paradox, daß Großbritannien mit seinem akuten Zahlungsbilanzproblem derartige Kosten in harten Devisen zu tragen hat, während die Bundesrepublik das reichste Land Europas mit den größten Gold- und Devisenreserven ist.

Das vor einem Jahr mit Bonn unterzeichnete Abkommen, das Großbritannien in dieser Hinsicht hätte entlasten sollen, hat die Erwartungen weitgehend enttäuscht und was die Zukunft anbetrifft, so hat der Bundeskanzler dem Premierminister lediglich versprochen die zuständigen Ministerien anzuweisen, sich um die Erfüllung dieses Abkommens mehr zu bemühen.

Wenn in den Worten Wilsons vor dem Parlament ein Ton erschöpfter Geduld mitschwang, so herrschte in London auf beiden Seiten des Hauses viel Verständnis dafür.