Dafi ausgeiechnet in der Bundesrepublik em solches Buch erschemt, ist erne angenehme Uberraschung: Renate Gerhardt hat die wunderIjch kuhnen Zeichnungen, die meist versteckten und manchmal auch oftenen Obszomtaten Aubrey Beaidsleys gebundelt und mit ihm die Reihe ihier erstaunlichen und erlesenen Publikationen um einen Prachtband vermehrt — Selbstveistandlich war das nicht, denn mit Beardsley haben sich die Zensoren heiumgeschlagen wie mit dem gdtthchen Marquis, allerdings nur mit bescheidenem Erfolg. Hier ein Feigenblatt und dort ein bifichen Deckweifi machten Beardsleys Zeichnungen nicht verfiigbarer. Der Spiegel brachte es letztes Jahr m seiner Story uber Beardsley unfreiwillig an den Tag: Er ver offentlichte das beiuhmte Bearrfsley BJatt ,Auftntt der Herodias" in der nachtraglich geremigten Fassung Beardsley war zur Milderung gezwungen worden, und er milderte geschickt: Am Pranger iteht nun Zensorenstumperei. Zwar schutzt em Feigenblattchen das vermemtlich Schlimmste, doch im Voidergrund ist kaum weniger kuhn Hmgestncheltes fur aller Augen da. In Renate Gerhardts Buch ist auch das Feigenblatt geluftet. Eimge der Arbeiten, die Beardsley am Ende semes Lebens, als er wie Wilde und Huysmans katholisch geworden war, vor allem vernichtet haben wollte, sind zum erstenmal unzensiert gesammelt und einem grofieren Kreis der BeardsleyFreunde erreichbar gemacht. Sie waren bis heute ausschliefilich in Privatdrucken verlegt worden und nur mit viel Gliick und Geld hier und dorf noch aufzutreiben, meist einzeln und oft genug von panischen Retuschen entstellt.

Beardsleys Leben war kurz: 1872 wurde er in Brighton geboren, und er war erst neun Jahre alt, als ihn die Schwindsucht packte. Es begann mit Musik: Zusammen mit seiner Schwester gab er mit elf Jahren sein erstes Konzert, erst mit zwanzig griff er zum Stift, um sick bei Kerzenlicht zwischen seinen schwarzen Mobeln der Dekaclenz zu ergeben.

Was er zeichnete, beschrieb er auch, und mit nicht weniger Andacht und nicht weniger kuhn. Er war stolz darauf, auch Schriftsteller zu sein. Mario Praz erzahlt in seineni unentbehrlichen , Buch iiber die ,Schwarze Romantik" ( ,Liebe, Tod und Teufel") von einem Romanfragmentund zitiert eine gewagte Ballade.

Der Konvertit Beardsley widmete ,Under the Hill", so nannte er das sonderbare Fragment, dem Kardinal Poldi Pezzoli, dem Nuntius des Heiligen Stuhls in Nikaragua und Patagonien, Es ist aber eine unfromme Orgie, die er preist: Sie findet statt im Wagnerschen Venusberg, und 1 ein Pater ist geladen. Doch nicht allzu viel geschieht, denn nach der verziickten Beschreibung des gewagten Dekors und der lusternen Masken bricht Beardsley ab.

Die Ballade hingegen verrat auch das todliche Ende. Sie variiert ein Motiv de Sades: Am Galgen endet der Barbier Carrousel und biifit dort die Lust, die es ihm machte, seiner angebeteten dreizehnjahrigen Prinzessin den Hals mit der Scherbe einer Flasche Kolnisch Wasser zu zerschneiden.

Im sechsundzwanzigsten Jahr seines Lebens war es mitBeardsley zu Ende: In Mentone an der Cote dAzur reichte man ihm die letzte Dlung. ,ln dem Zeichner dieser Blatter suchte eine Kritik, die obne Verhaltnis zur Kunst, diese nur niitzi, Um sie auf eine vulgare Moral zu priifen, ein schamloses Leben", schrieb Franz Blei, der Beardsley, den bewunderten, todkranken Mann, in Paris getroffen hatte. Sein Vorwort ist mit wiitenden Ressentiments durchsetzt und selbst ein Stuck jenes Protestes gegen die damalige Sockelkultur, der auch Beardsleys ganze Verachtung gait. Ich glaube, dafi Blei sehr recht hatte, als er Beardsley einen Satiriker auf eigene Faust nannte, zu wenig; sozial, um sich mit Gemeingeftihlen zu treffen. Heute aber lafit sich die Behauptung aucli, auf den Kopf stellen: Es hat sich herausgestell , dafi Beardsley sozial genug war, den Gemeinr gefiihlen aus dem Wege zu gehen., Jeries schamlose Leben in seinen Zeichnungen , Beardsleys so selbstherrliche wie radikale Ausrfalle gegen die Stickigkeit seiner Zeit, deren Schnorkel und Putz er aufgeladen hat mit Aggressionen tiberlegenster Art, sind mir sympathischer als seines populareren Zeit- und Weggenossen Oscar Wilde ein wenig wehleidige und nicht annahernd so konsequente literarische Versuche, das viktorianische England mit oft aufgeblahten und niitunter recht pathetischeH Gebarden in die Schranken zu fordern.

Beardsley selbst hat von Wilde nicht vie! - gehalten, obwohl er zu dessen ,S alome" elnige seiner bekanntesten Illustrationengeschffenhat: ,Wilde batte aus dem Schockieren schon so eine Art komischer Spezialitat gemacht, nicbt im Schreiben, aber in sonst allerlei Dummheiten. Er hielt das fiir eine Art griechischen Satanismus. Schade. Er hat unsere beste Komodie geschrieben, The Importance, of Being Earnest <— wir hatten mit drei, vier solchei fliModien guonnen, Ab£r er ging Ueke? mtitdt wie eiii Ttypx; Jetzt wird sich Hen Shaitf, ein mAerfStist, a&frdie flinken Beine machen mid setnfZeitptngsartikel jiir verteilte Rollen schreiben. Allzu inkommodiert von der Tugend kam der Gegenschlag, die Siinde als Sport wie bei Oscar. Die viktorianische Verschworung gegen die Instinkte, diese einzige Quelle menschlicher Energien, bestand darin, dafi sie im Ndmen der Dezenz Schweigen dariiber gebot. Man eliminierte die Worte- mit dem Erfolg, daf man die Fakten ignorierte. Der viktorianische Englander verlor seine Vision des Bosen, weil er in seiner Seele die Luge hatte. Gehen Sie in die Biiros nnserer Fabians (so nannten sich die Mitglieder einer 1884 in England gegriindeten sozialistischen Gesellschaft), Sie werdenEau de Cologne riechen statt Sozialismus. Wilde ahnte wohl, daft meine Blatter zu Salome langer am Leben bleiben warden als seine Gewandstudien nach Flaubert. Wir konnen uns nicht leiden. Dies und das ist ihm ja gelungen. Aber er ist in seinen sozialen Ideen schrecklich altmodisch und konventionell " Diese so angenehm lassigen und dennoch Beteiligung verratenden Bemerkungen waren : damals durchaus nicht so selbstverstandlich, wie sie heute vielleicht klingen. Sie zeigen dariiber hinaus, dafi Beardsley keineswegs blofi ein Phantast war, eingesponnen in eine eigene Welt voller Ratsel und Abwege, sondern einen klaren Kopf hatte und einen guten Blick fiir den Zusammenhang zwischen Politik, Gesellschaft und Kunst. Es gibt kerne einzige Zeichnung Beardsleys, die nicht vom Menschen handelt. Er hat ihn allerdings nie portratiert, sondern ihn meist abenteuerlich, aber nie ganz ohne Zartlichkeit, entstellt. Er war nichts weniger als ein platter Philanthrop. Die Mythologie des Grotesken, die er entwarf, des Abseitigen und Pikanten, tragt kaum versohnliche Ziige. Gehassig ist sein Spafi am Monstrosen, mit kaltem Spott verriickt er Alltagliches in den Bereich- des Unerhorten, fertigt er ein schwarzes Panoptikum, in dem Monokel- und Stehkragen, gutbiirgerliche Accessoires, Golfschlager und friedlicher Nippes sich paaren mit Details ganz anderer Art: Es wimmelt von wustem Getier, fettbusigen Ungeheuern und abscheulichen Mifigeburten (eine wird aus der Wade eines Wesens geschnitten, dessen Oberkorper sich auszumalen unserer Phantasie iiberlassen bleiht), vorf gierigen Pflanzen, iiberlangen schwarzen Armen und kralligen Fingern. Peitschchen werden geschwungen und Messerchen gewetzt, der Unschuld wachsen Haare aus der Brust, und gichtige Geschopfe wechseln eindeutige Blicke.