Die herkömmlichen Lehrbücher und theoriengeschichtlichen Werke der Wirtschaftswissenschaft behandeln den Entwicklungsgang der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften fast ausschließlich problem- oder ideengeschichtlich. In der angelsächsischen Literatur sind biographisch orientierte Lehrwerke häufiger vertreten als im deutschen Sprachgebiet, in dem bisher eine Sammlung wie Schumpeters „Great Economists“ fehlte...

Nicht die Wertlehre, die Preistheorie, die Marktformenlehre oder andere Teilstücke der ökonomischen Theorie möchte Horst Claus Recktenwald in dem von ihm herausgegebenen Buch

Lebensbilder großer Nationalökonomen; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 655 Seiten, 49,– DM

behandelt wissen, sondern eine Entwicklungsgeschichte der Ökonomie will er bieten, die das Verhältnis zwischen Mensch und Werk führender Nationalökonomen in den Mittelpunkt rückt. Dankbar muß man diesen ebenso mutigen wie originellen Versuch begrüßen; in Angriff genommen von einem Gelehrten, der bisher ausschließlich durch finanzwissenschaftliche und steuertheoretische Publikationen hervorgetreten ist. Für die ganze sozialwissenschaftliche Disziplin bedeutet es einen Neubeginn, sich in einer Kette von Essays und Biographien wiederzuerkennen und sich einen neuen Stellenwert in der Wissenschaftsgeschichte zu geben.

Recktenwalds Versuch steht auf einer breiten geistesgeschichtlichen Basis, obgleich keineswegs alle Möglichkeiten, die Gesellschaftslehre und Gesellschaftsphilosophie für eine derartige Biographie bieten, ausgeschöpft werden. Viele Schwierigkeiten stellen sich dem Herausgeber entgegen. Er berichtet davon in der Einleitung, die zugleich ein aufrichtiges, wenn auch verzichtbares Eingeständnis seiner eigenen Schwierigkeiten vor der Oberfülle an Stoff ist.

Wenn man eine geistesgeschichtliche wie biographische Arbeit über die Entwicklung der Nationalökonomie seit den Tagen der Physiokraten über die englischen „Klassiker“, über Marx, die historische Schule, die Mathematiker bis hin zu Schumpeter und Walter Eucken als eine Novität empfindet, so drückt sich darin auch die starke Isolierung aus, die die Nationalökonomie bisher auszeichnete. Für eine Wissenschaft, die heute weithin als ausschließlich „praktisch“ von den Studenten empfunden wird, ist jeder Versuch einer nachbarschaftlichen Orientierung zu anderen Bereichen der Geisteswissenschaften ein Gevinn, auch dann, wenn sie verschiedene Schwächen aufweist.

Recktenwald hat in seiner Sammlung von dreißig Beiträgen zur Personengeschichte der Ökononie zweierlei versucht: eine Antologie literarischer Essays zu verbinden mit Quellenstudien zu Biographien, die teils lexikalischen Charakter haben, die zum anderen aber zu unsicher sind, im als feste Bestandteile der weiteren Forschung gelten zu können. Diese Doppelgleisigkeit ist diesem umfangreichen und mit viel Mühe vorbereiten Buch nicht bekommen: Nicht alle Autoren sind Meister der Sprache.