Von Albrecht von Kessel

Eines haben wir mit den Amerikanern gemein: Viele Deutsche und Amerikaner glauben, unsere Völker hätten einen Anspruch darauf, von anderen Völkern geliebt zu werden. Bei uns begründet man diesen Anspruch damit, daß wir doch jetzt so überaus brave Demokraten seien, daß wir unsere Tüchtigkeit nach dem Zusammenbruch erneut in geradezu wunderbarer Form bewiesen hätten und daß wir schließlich unseren neuen Reichtum großherzig in alle Winde verstreuten. Die Amerikaner ihrerseits verweisen auf ihre Verdienste um die Verteidigung der Freiheit, auf den Marshallplan und auf die Unsummen, die sie für Entwicklungshilfe regelmäßig aufbringen.

Aber die Gegenleistung für all diese Verdienste ist ausgeblieben: Man kann nicht sagen, daß wir oder die Amerikaner in der Welt besonders beliebt seien. Die Amerikaner neigen dazu, diese Feststellung damit zu quittieren, daß sie mit einer Rückkehr zum traditionellen Isolationismus drohen. Und bei uns besteht die Gefahr, daß wir uns voll Selbstmitleid in den Schmollwinkel zurückziehen, da der alte Spruch „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“ im atomaren Zeitalter seine Gültigkeit verloren hat.

Der Deutsche, der verlangt, daß sein Volk von den Ausländern geliebt werde, sollte erst einmal überlegen, wie er selber zu anderen Völkern steht. Ich selber, der ich als Diplomat ein Großteil meines Lebens unter anderen Völkern gelebt habe, muß gestehen, daß ich keines von ihnen gewissermaßen in Bausch und Bogen liebe. Indessen habe ich an jedem von ihnen symbolische, liebenswerte oder gar bewundernswerte Züge entdeckt. Die Liebe zum eigenen Volk dagegen ist ganz anderer Art. Sie ist mehr das Gefühl unverbrüchlicher Solidarität, wie man sie etwa gegenüber der eigenen Familie empfindet, ohne daß man damit ein Werturteil abgäbe.

Liebe ist keine politische Kategorie, und Beliebtheit ist ein ephemerer Zustand, der nur im Bereich der „public relation“ von Wert ist. Was zählt, ist Achtung, das wußten und wissen die Engländer. Sie haben sich nie um Beliebtheit bei den unter ihrem Einfluß stehenden oder von ihnen beherrschten Völkern bemüht, sondern nur um Achtung. Deshalb sind die Briten auch heute noch trotz des Schwindens ihrer Macht die wohl am höchsten geachtete Nation der Welt.

Wenn Joseph Kraft in seinem Artikel feststellt, daß die Bundesrepublik zur Zeit in der öffentlichen Meinung Amerikas auf geringes Interesse stößt, hat er damit wohl recht. Wer aber einmal, die endlosen Gänge des State Department in Washington durchwandernd, sich klargemacht hat, welche Unzahl von Problemen in allen Teilen der Welt auf die Amerikaner, die ja nie zur Weltmacht emporsteigen wollten, Tag für Tag einstürmen, sieht die Dinge anders an.

Wir Deutsche sind nun einmal nicht das Zentrum der Welt. Wir sind überdies in den Augen der Amerikaner zuverlässig und stabil, mithin problemlos im Gegensatz zu Vietnam, dem Kongo, Ägypten, Zypern und Kuba, um nur einige Namen zu nennen. Zweifellos waren wir Mitte der fünfziger Jahre weitaus interessanter und populärer, denn wir hatten gerade eine der typisch amerikanischen und daher so ungemein beliebten „success stories“ verwirklicht.