Onkel Sam hatte dem bettelarmen, mit Narben und Beulen übersäten deutschen Michel einen Taler geschenkt, und dieser hatte daraus eine Million gemacht. Nun trat er pausbäckig und strahlend-blauäugig vor seinen Wohltäter hin, demokratisch gut gewaschen und mit einem Bizeps, der sogar den Sowjets imponierte. Obendrein verfügte dieser deutsche Michel über einen Sprecher, der dem normalen Amerikaner genau das gab, was er erwartete: eine, aufs simpelste reduzierte Darstellung der Lage und ein unfehlbares Rezept, sie zu meistern. Für unzählige Amerikaner war Konrad Adenauer eine Mischung aus Barbarossa, dem Alten Fritz und Bismarck mit den Augen eines königlich preußischen Kadetten gesehen.

Wir Mitglieder der deutschen Botschaft in Washington schüttelten damals bedenklich den Kopf und stellten fest, es sei eine Ironie der Geschichte, daß deutsche Diplomaten sich wegen allzu großer Popularität ihres Landes Kopfzerbrechen machen müßten. Wir nämlich waren samt und sonders überzeugt, daß wir den übersteigerten amerikanischen Erwartungen nicht gerecht werden könnten und es einen Rückschlag geben werde. Im Grunde ist das, was Kraft als amerikanische Interesselosigkeit gegenüber Deutschland und geringe Popularität unseres Volkes in den Vereinigten Staaten schildert, nur die Wiederherstellung eines normalen Zustandes.

Jedes Symptom einer ernsthaften Staatskrise in Bonn, jeder Zwischenfall an der Autobahn oder in Berlin würde Amerikas Interesse an uns sprunghaft steigern. Denn wenn es hart auf hart geht, ist die Position in Deutschland für die Vereinigten Staaten ungleich wichtiger als diejenige in Vietnam, im Kongo oder im Nahen Osten.

In der Bewertung unseres Ansehens und unserer Interessenlage in den Vereinigten Staaten kann ich deshalb mit Kraft nicht ganz übereinstimmen. Eine Gemeinsamkeit der Interessen scheint mir noch auf lange Zeit gewährleistet. Die amerikanische Entspannungspolitik hat zur Voraussetzung, daß die Bundesrepublik ein erfolgreiches Unternehmen bleibt und die Deutschen selbst die freiheitliche Demokratie höher bewerten als eine Satellitenhörigkeit Gesamtdeutschlands gegenüber Moskau.

Infolge dieser noch auf lange Zeit gewährleisteten Interessengemeinschaft der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik ist das Bild, das "die" Amerikaner von "den" Deutschen haben, keinesfalls so farblos und verschwommen, wie Kraft meint. Gewiß hat der sogenannte Durchschnittsamerikaner, den es, nebenbei gesagt, nicht gibt, von Deutschland genauso präzise, vielmehr unpräzise Vorstellungen wie der Durchschnittsdeutsche von der Sowjetunion, von Indien oder China. Immerhin erzählen die in unserem Land stationierten amerikanischen Soldaten in ihren Familien landauf, landab einiges über Deutschland, und man hört, daß diese Berichte im allgemeinen eher günstig ausfallen.

Auf der anderen Seite nimmt die Elite, die Intellektuellen einerseits, die Aristokraten – eine in Amerika verpönte, aber durchaus berechtigte Bezeichnung – andererseits, an den modernen kulturellen Leistungen Deutschlands neuerdings stärkeren Anteil.

Die Intellektuellen waren bisher ausschließlich auf Frankreich ausgerichtet, die Aristokraten auf England. Erst in jüngster Zeit scheint uns da ein gewisser Einbruch gelungen zu sein. Es gilt in gewissen Kreisen neuerdings als schick, sich für Deutschland zu interessieren. In Bonn allerdings verkennt man die eminente politische Bedeutung einer deutschen Kulturpolitik in den Vereinigten Staaten.