Von Eka von Merveldt

Wishful thinking, so nennen ironisch veranlagte Südafrikaner ihr Wunschdenken, aus ihrer Isolation herauszukommen. Sie war früher geographisch bedingt, weil das Land verkehrstechnisch unerreichbar war, sie ist heute durch die Politik entstanden. Jetzt indessen macht das Land alle Anstrengungen, um (weiße) Besucher herbeizulocken. Ein Heer von Propagandisten muß angestellt sein, das ganze Berge von Prospekten und Broschüren ausschüttet, um ein positives Bild in bunten Farben zu malen. 915 000 Rand (etwa fünf Millionen Mark) gab die Südafrikanische Union (17 Millionen Einwohner, wovon 3,1 Millionen Weiße sind) im letzten Jahr für ihre Touristenwerbung im Ausland aus (9 Millionen die Bundesrepublik, aber 57 Millionen Einwohner).

Nach dem Wunsch offizieller Stellen soll in den nächsten drei oder vier Jahren eine halbe Million Touristen aus dem Ausland gewonnen werden. Schon jetzt stehen die Devisen, die sie bringen, an vierter Stelle der Einnahmen (nach dem Export von Wolle, Mais und Diamanten, vom Goldexport abgesehen). Aber die Gäste sind willkommen als zukünftige Immigranten. Es wird kein Hehl daraus gemacht, daß die Einwanderung aus Europa zur Zeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, und: Besucher könnten vielleicht auch überredet werden, in diesem Land mit seiner prosperierenden Wirtschaft Kapital zu investieren. Auslandskapital genießt Vorzüge wie in wenigen Staaten sonst auf der Welt.

Es ist sehr viel sogar wahr von dem, was in den Prospekten zu lesen ist: Das Land ist überall schön, es ist sehr abwechslungsreich in der Vielfalt seiner Provinzen, das Klima ist besonders günstig. Daß nun aber Kalifornien und nicht Südafrika den Ruf eines glücklichen Sonnenlandes erhalten hat, hängt mit der Isolierung zusammen. Denn: die Gastfreundschaft der Leute, die Weite des „Veld“, die Maisfelder, die wilde Natur, Schluchten und Wasserfälle, Buschmannmalereien an den Felsen, das große Karu, jene endlose Steppe, die großen Badestrände des Indischen und Atlantischen Ozeans – es stimmt, all das ist sehenswert, ist aufregend, und dies vor allem gilt für die Begegnung mit den großen Tieren. Auch bei einem Aufenthalt von vier Wochen ist die Weite nicht zu ermessen. Südafrika ist ja eben nicht nur das Land der immer wieder suggerierten Klischeevorstellungen. Zwei dieser oft wiederholten Begriffe, die „Gartenroute“ und der „Blaue Zug“ von Johannesburg nach Kimberley, sie haben sogar zuviel Ruhm erhalten, mißt man mit europäischen Maßstäben.

Daß es zu dem formal life, zur Etikette gehört, sich in diesem Zug, wie auch in fast allen Hotels, zum Abendessen umzuziehen, ist manchen Reisenden eine Last. Er muß sich auch sonst manchem Zwang unterwerfen. Die Südafrikaner sind offensichtlich ein Volk von Frühaufstehern, eine sportliche Nation; sie lieben das urbane Leben nicht’sonderlich. Outdoor living ist ihr Stil; sie schätzen das Leben in der Natur. Sie reisen über weite Strecken zu irgendwelchen Zielen und lassen sich unterwegs von Sehenswertem nicht ablenken. Im Umgang mit Touristen fremder Nationalität sind sie noch sehr unerfahren. Zwar sind, wie in den USA, Touristen erbeten, ihre speziellen Wünsche, Gewohnheiten und Ansprüche jedoch werden nicht berücksichtigt.

Die Routen sind so organisiert, daß die Reisenden zu unglaublichen Morgenstunden aus dem Bett gejagt werden. Fährt man von Johannesburg zum Krügerpark, muß man den Zug in Nelspruit sehr früh verlassen, zu früh für manchen Urlauber: Der Blue Train von Kapstadt kommt in Kimberley (zum Besuch der Diamantenminen) um fünf Uhr an. Die üblichen, von deutschen Reiseunternehmen übernommenen Bustouren von Durban durch den Transkei, über East London, Port Elizabeth, über die Straußenfarmen und die gepriesene Gartenroute von Wilderness nach Kapstadt dauern fünf oder sieben Tage, und das heißt: Auf dieser Strecke von 2145 Kilometern ist. man jede Nacht in einem anderen Hotel, Morgens wird der Gast manchmal schon um fünf Uhr mit dem im Lande üblichen Early Morning Tea geweckt – immer wieder so früh, bis er herausfindet, daß er den Tee auch abbestellen und eine halbe Stunde länger schlafen kann. Doch auch das nützt nicht immer. Früh geht die Reise weiter.

Die Hotels sind bei diesen organisierten Reisen sehr unterschiedlich in der Qualität, weil es vorläufig noch keine Einstufung gibt. Mal ist es ein Luxushotel, mal eines erster oder zweiter Klasse. Abends bei der Ankunft sind die Orte schon ausgestorben, die Geschäfte geschlossen. Man kann abends in den Städten nicht bummeln; es gibt, obwohl die Nächte lau sind, keine Lokale draußen, kein Leben wie auf der Via Veneto in Rom.