Vielleicht ist die gemeinsame Währung der EWG-Staaten schon viel näher, als wir es alle heute glauben.“ So sagte es kürzlich ein prominenter Franzose im Gespräch mit Deutschen – und scheint dafür anschließend in Paris zurückgepfiffen worden zu sein.

Doch drängt vieles in diese Richtung. Nun hat sich auch Bundeswirtschaftsminister Schmücker dieser Aufgabe angenommen. Als er vor wenigen Tagen in Paris seinen Kollegen Giscard d’Estaing besuchte, sprach man keineswegs allein über das Problem langfristiger Kredite für den kommunistisch beherrschten Teil Europas.

Zwei andere Themen aus Schmückers Pariser. Aufenthalt verdienen ebensoviel Aufmerksamkeit: sein Vorschlag, als Vorläuferin einer dritten internationalen Leitwährung die europäische Währungsunion der sechs EWG-Staaten zu schaffen, und die Initiative, die etwas verschlafenen Bemühungen um eine Zusammenarbeit der deutschen mit der französischen Industrie endlich wieder in Trab zu bringen.

Schmücker erläuterte, eine europäische Währungsunion sollte möglichst rasch verwirklicht werden und eine dritte Leitwährung neben Dollar und Pfund sei wünschenswert; aber wenn man schon mit der organisierten Währungsunion nicht schnell genug vorankäme, dann sollten die Partnerstaaten zumindest ein gemeinsames währungspolitisches Verhalten vereinbaren. Auch von einem „Abkommen des guten Benehmens“ war die Rede.

Man muß befürchten, daß der deutsche Minister mit dem plötzlich aufkeimenden französischen Zögern in dieser Frage etwas zu behutsam umgegangen ist. Noch vor wenigen Wochen war klar zu erkennen, daß Paris deutlich auf die Karte „Währungsunion“ setzen und gerade in diesem Bereich die wirtschaftliche Verschmelzung vorantreiben wollte. Inzwischen hat offenbar jemand in der Rue Rivoli, am Sitz des französischen Finanzministeriums, die Bremsen gezogen: Man erfaßte, daß diese Währungsunion ein für die nationale Souveränität recht kostspieliges Unternehmen sein wird – und das hat General de Gaulle nicht gern.

Nun muß man sich fragen: Zögert Paris, weil es im währungspolitischen Bereich noch nicht die rechte Methode gefunden hat, mit der man dem französischen Präsidenten dieses neue Anknabbern nationaler Hoheitsrechte nach dem Modell der Salamitaktik schmackhaft machen kann – oder bestehen grundsätzliche Bedenken? Die bisherigen Erfahrungen mit der Delegation Frankreichs im Europäischen Ministerrat in Brüssel, wo die Franzosen mit dem EWG-Vertrag in der Hand die dort aufgegebenen Pflichten meist loyal erfüllen, lassen hoffen, daß es wirklich nur um die Frage geht: Wie sag ich’s meinem Kinde. Dann möchte man aber doch wissen, warum Minister Schmücker so sanftmütig meinte, falls nicht sogleich bindende Verpflichtungen im währungspolitischen Bereich geschaffen werden könnten, möge man wenigstens das „gemeinsame Verhalten“ zur Regel machen.

Dabei soll gar nicht bestritten werden, daß auch damit schon ein beachtlicher Fortschritt erreicht wäre. EWG-Vizepräsident Marjolin, der in den nächsten Tagen das europäische Parlament in Straßburg über die Ansichten der Hallstein-Kommission zu den amerikanischen Investition nen im Gemeinsamen Markt, zur Dollar-Verkaufsaktion der Franzosen und zu Präsident Johnsons Gold-Devisen-Standard unterrichten wird und daran Anregungen zu einer gemeinsamen Haltung der „Sechs“ knüpfen will, wäre sicher froh, wenn die EWG sich anschicken würde, wenigstens in diesen Fragen als währungspolitische Gemeinschaft aufzutreten. Aber es war nicht gut, daß der deutsche Minister mit seiner Pariser Erklärung die Bereitschaft gezeigt hat, zur Not auch weniger in der währungspolitischen Einigung zu tun, als wahrscheinlich bei genügend Bonner Entschlossenheit möglich wäre. Oder fehlt diese – wie so oft – auch hier?