Wiesbaden

Der Initiator der „Schutzgemeinschaft Straßenverkehr“, der Ministerialrat a. D. Dr. Walter Kühn, ist leidenschaftlicher Fußgänger. Doch das ist nicht der Grund dafür, daß sich der rüstige Pensionär seit Jahr und Tag Gedanken darüber macht, wie der Verkehrstod von den Straßen der Bundesrepublik verbannt werden kann. Was ihn dazu brachte, eine „Schutzgemeinschaft“ zu gründen, war seine Erkenntnis, daß die Statistik der Verkehrsunfälle beängstigend angestiegen ist und daß alle, fast alle Versuche, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, erfolglos geblieben sind. Der Ministerialrat im Ruhestand glaubt, das Patentrezept für die Lösung des Problems gefunden zu haben: Eine radikale Herabsetzung der zulässigen Geschwindigkeit.

„Wir sehen in den zu hohen Geschwindigkeiten den Kernpunkt der ganzen Unfallbekämpfung und sind der Meinung, daß niemand, der die Erörterung dieses Problems ablehnt, für sich in Anspruch nehmen darf, den Unfalltod ernsthaft bekämpfen zu wollen.“ Das ist die unumstößliche Meinung seiner „Schutzgemeinschaft“, die sich in Wiesbaden etabliert hat. Schon vor der Vereinsgründung hatte sich Kühn mit einer Denkschrift an das Bonner Parlament und die zuständigen Behörden gewandt und gefordert, die Höchstgeschwindigkeiten in Wohngebieten auf 35 Stundenkilometer, auf Landstraßen auf 75 und auf den Autobahnen auf 100 Stundenkilometer zu begrenzen. „Wer sich vergegenwärtigt, daß es in der großen Mehrzahl kritischer Verkehrssituationen auf schnellstes Anhalten ankommt, kann sich nicht wundern, daß alles Mühen um Sicherheit im Straßenverkehr in die Frage der Geschwindigkeitsbegrenzung mündet. Hier muß die Initiative einsetzen, die dem Verkehrsmord ein Ende setzen will.“

Das einzige Ergebnis seines Vorsatzes waren einige höfliche Dankschreiben. Auch die von der „Schutzgemeinschaft Straßenverkehr“ verfaßten Broschüren und Schriftsätze fanden nur wenig Echo. Dabei hatte man sehr großen Wert auf eine möglichst breite Streuung gelegt: Parlamente wurden bedacht, Regierungen, Stadtverwaltungen und Polizeibehörden. Vergeblich warnte Kühn: „Bestimmend für die Schwere einer Kollision ist die Wucht, mit der die Beteiligten aufeinanderprallen. Diese hängt von dem Gewicht und dem Quadrat der Geschwindigkeit ab. Tausend Fußgänger sind einander im Straßenverkehr durchaus ungefährlich, tausend Kraftwagen keineswegs.“

Wenn überhaupt sich jemand mit dem Programm der „Schutzgemeinschaft Straßenverkehr“ auseinandersetzte, dann war das Ergebnis negativ. So antwortete die „Verkehrswacht Wiesbaden“: „Man kann nicht sagen, daß mit Geschwindigkeitsbegrenzungen das Problem zu lösen ist. Oder wollen Sie, daß wir ins 18. Jahrhundert zurückgehen und die Geschwindigkeit auf Postkutschentempo einstellen. Wenn sie die Geschwindigkeit in Ortschaften derart drosseln, werden Stauungen entstehen, die die Unfallziffer nur noch vergrößert. Solange es Autos gibt, wird es Unfälle geben.“

Doch auch andere Verkehrsexperten äußerten Zweifel an den Thesen der „Schutzgemeinschaft Straßenverkehr“. Fachzeitschriften veröffentlichten die Ergebnisse umfassender amerikanischer Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen Geschwindigkeit und Verkehrsunfällen: Es sind weniger die schnellen, als vielmehr die langsamen Fahrer, die die Mehrzahl der Unfälle verursachen. Im übrigen habe der Begriff „überhöhte Geschwindigkeit“ ursächlich nichts mit dem tatsächlichen Tempo zu tun. Schon dreißig Stundenkilometer könnten eine „überhöhte Geschwindigkeit“ sein, wenn Verkehrssituation und Straßenzustand zwanzig Stundenkilometer geboten hätten. Andererseits brauchten auch 180 Stundenkilometer noch nicht zu schnell zu sein, wenn das Fahrzeug für dieses Tempo geeignet, wenn der Fahrer dem gewachsen und die Straße frei sei.

Dagegen argumentierte der unermüdliche Streiter gegen den Verkehrstod: „Mir ist bekannt, daß in den meisten Staaten in den USA Geschwindigkeiten gelten, die nicht wesentlich über denen liegen, die unsere Schutzgemeinschaft Straßenverkehr‘ fordert.“ In Amerika seien auch die Strafen bei Geschwindigkeitsüberschreitung ganz anders, nämlich wesentlich härter und höher. Kühn weist auch den Einwand zurück, Beschränkung der Geschwindigkeit müsse zwangsläufig zum Verkehrschaos führen. „Es ist errechnet und überprüft worden, daß die Leistungsfähigkeit einer Straße, die Transportleistung, nicht bei hohen Geschwindigkeiten am besten liegt, sondern gerade bei geringen und schon von 25 Stundenkilometern ab aufwärts zurückgeht. Wo sie trotzdem sich erhöht, beruht das lediglich darauf, daß man die notwendigen Sicherheitsabstände nicht mehr einhält und damit die Unfallgefahr natürlich erhöht.“ Schließlich zitiert er als Kronzeugen den prominenten Autorennfahrer Fangio, der erklärt haben soll, mit 100 Stundenkilometern zu fahren sei sehr gefährlich.