Von Horst Hachmaun

Jetzt, da der Gott Jokus seine Prunkkalesche längst wieder eingemottet hat, sei rückblickend eine Feststellung erlaubt: Es war der angezogenste Karneval, den man zwischen München und Köln in den letzten Jahren erlebt hat. Die Jugend, sofern sie überhaupt auf den Tummelplätzen der Narretei aktiv war, gab sich zugeknöpfter denn je. Von einem der beliebten Münchner Atelierfeste hörte man gar, es sei dort sittsamer zugegangen als auf einer Tanzveranstaltung einer christlichen Mission. Lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen? Und welche?

Die Jugend ging in den Tagen organisierten Humors, so scheint es, mehr als vorher in die Isolation. Die noch vor drei oder vier Jahren beobachtete Verhaltensform, um jeden Preis im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen, Erwachsene zu provozieren, ist längst ins Gegenteil umgeschlagen. In weiten Kreisen macht sich mehr und mehr eine Immunisierung gegen die Reizüberflutung in allen Lebensbereichen bemerkbar. Das Resultat ist die Abkapselung von der Gesellschaft. Der Wunsch nach dem „Untersichsein“ beherrscht den jungen Menschen mehr als jemals zuvor. Das ist auffallend, zumal man in den USA Tendenzen feststellt, die von einer absoluten Vermischung der Altersklassen sprechen. Die von Samuel Grafton in seinem Aufsatz „Suche nach sauberem Sex“ im „Spiegel“ vom 17. Februar getroffene pauschale Feststellung der sachlichen sexuellen Befriedigung, die gesättigt wird wie andere Vitalerlebnisse, trifft für die Jugend in der Bundesrepublik aber wohl nur mit Einschränkungen zu.

Beschwerte sich doch in einem Frankfurter Tanzlokal ein Student darüber: „Die jungen Leute sind zu konformistisch, ja, bisweilen sogar zu romantisch. Sie können ihre Gefühle nicht zügeln. So glauben sie doch allen Ernstes noch an die Liebe. Aber sie beherrschen sie nicht. Sie sehen in ihr mehr als nur ein biologisches Regulativ. Sie nutzen ihre Chance zu wenig, bestehende Ordnungssysteme zu brüskieren. Sie sind träge, und diese Trägheit führt letztlich immer in die tristen Wohnzimmer der Bürgerlichkeit.“

Eine Kongruenz allerdings ist zwischen der amerikanischen und der deutschen Jugend zu beobachten: Das Verhalten auf der Tanzfläche. Auch bei uns ist der Tanz zu einem schweigenden Ritual geworden, zu einer Pantomime der Körperlichkeit. Beobachtet man fünfundzwanzig Paare auf dem Parkett eines überwiegend von Jugendlichen besuchten Lokals, dann sieht man fünfzig Solisten zu. Doch das unterscheidet sie offensichtlich wieder von den jungen Amerikanern: Sobald sie ihre Solonummer beendet haben, verlassen sie eng umschlungen die Tanzfläche und lassen sich gar in einem verschwiegenen Winkel nieder, wo sie ungeniert ihre Zärtlichkeiten austauschen.

Dabei ist ein Widerspruch zwischen Agieren und Denken. „Unsere scheinbare Gleichgültigkeit ist nur Tarnung. Wir leiden, hoffen und resignieren wie die Menschen seit eh und je. Meine Freunde reden viel von Begegnungen mit Mädchen und plaudern auch ungeniert Intimitäten aus. Doch diesen Abenteuern darf man nicht unbedingt Glauben schenken. Denn mit nichts wird mehr angegeben als mit amourösen Abenteuern. Wenn der eine eine Geschichte erzählt, will der andere nicht zurückstehen, ja, er möchte dann möglichst noch mehr zu bieten haben.“ So äußerte sich ein Teilnehmer an einer Party junger Leute, ein siebzehnjähriger Gymnasiast. Ein gleichaltriger junger Dekorateur fügte hinzu: „Abends im Klub reden wir oft über die Liebe: Die Mädchen machen den Mund am weitesten auf...“

Der Mangel an echten Jugendlokalen in der Bundesrepublik zwingt, Zuflucht zur Party zu nehmen, will man die permanente Auseinandersetzung mit der Langeweile erfolgreich bestehen. Landauf, landab ist sie populär. Es gibt Mansardeifeste, Gammlertreffen, Shocking-Shows, Twistpartys, Kellerpartys, Bottiepartys, Fanpartys, um nur einige solcher intimen Festivals zu nennen. Die Party, eigentlich zur Bekämpfung der Langeweile arrangiert, wird ihrerseits wieder langweilig, wenn sie sich zu oft wiederholt. Also müssen unablässig neue Varianten gefunden werden. Dabei ist man weder zimperlich noch ohne Ideen. Die Hauptsache ist nur, man bleibt unter sich. Eine Spielart, die Leere solcher Partys zu überwinden, wie sie in dem Spiegelartikel als in Amerika üblich berichtet wurde, probierte kürzlich ein Frankfurter Student aus.