Von Waldemar Besson

Felix Hirsch: Gustav Stresemann. Patriot und Europäer. Mit einem Geleitwort von George P. Gooch; Musterschmidt-Verlag, Göttingen; 112 Seiten, 3,90 DM.

Kein führender Politiker des Weimarer Deutschlands hat zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode soviel Interesse erregt wie Gustav Stresemann. Die Studie von Felix Hirsch ist deshalb nicht der erste Versuch einer Biographie, und sie wird nicht der letzte sein. Nach den Angaben des Verfassers ist die jetzt vorgelegte Skizze ohnehin nur eine Art Vorbericht mit der Disposition eines umfassenderen Werkes, für das Hirsch hervorragend qualifiziert ist. Er hat als Journalist die zwanziger Jahre miterlebt und als Professor in der Emigration zahlreiche Aufsätze über Stresemanns Politik verfaßt. Er kennt die einschlägigen Quellen und ist mit allem Für und Wider der Diskussion vertraut. Er bewundert seinen Helden, ohne seine Schwächen zu übersehen und ohne in allem mit ihm einverstanden zu sein. Aber das Urteil Lord d’Abernons, des langjährigen britischen Botschafters in Berlin, würde wohl auch Hirsch unterschreiben: „Als einer, der ihn in schwierigen Lagen genau kannte und ihn über schwere Widerstände im In- und Ausland triumphieren sah, bin ich überzeugt, daß Deutschland nie einen weiseren oder mutigeren Staatsmann besessen hat.“

Bei solchen Voraussetzungen durften wir erwarten, daß ein gutes Ergebnis herauskommen werde. Der Verfasser enttäuscht uns auch nicht. Auf knappem Raum findet man alles Wichtige an äußeren Ereignissen, persönlichen Beziehungen und kritischen Situationen zusammengefaßt. Bereichert wird die Darstellung durch zahlreiche Gespräche, die der Verfasser mit Freunden, Kollegen und Widersachern geführt hat. Ein ganzes Kaleidoskop von Stresemann-Urteilen entsteht so aus der zeitgenössischen Perspektive.

Freilich, so viele Vorteile der Zeitgenosse auch als Biograph vor dem Historiker hat, die Verhaftung im Zeitgenössischen hat auch ihre Probleme. „Gustav Stresemann ist eine Gestalt“, so beginnt Hirsch sein Buch, „die man nicht bloß aus den Akten rekonstruieren kann; wer es dennoch versucht, entwirft eine Karikatur.“ Das ist nicht nur eine höchst anfechtbare methodische These, die, konsequent durchdacht, der Historie den Ast absägt, auf dem sie sitzt, dieser Anfang zielt auch, mit scharfer Spitze auf die nächste Generation von Stresemann-Biographen. Ist es doch bei ihr tatsächlich vorgekommen, so empört sich Hirsch, daß die moralische und politische Qualität Stresemanns angezweifelt wurde. Die Schriften Annelise Thimmes vor allem, die nach Meinung unseres Verfassers den Standpunkt der deutschen und amerikanischen Stresemann-Feinde repräsentieren, sind der eigentliche Stein des Anstoßes.

Der Zeitgenosse Stresemanns hat es offenbar schwer, den Rückschlag zu verstehen, der in den fünfziger Jahren eintrat, als sich durch intensiveren Umgang mit Stresemanns Nachlaß Gelegenheit bot, die europäische Glorie zahlreicher Festreden nach 1945 genauer zu prüfen. Eine jüngere Generation verspürte nicht mehr das Bedürfnis, in Stresemann ein Stück unbefleckter deutscher Geschichte retten zu müssen. Hirsch steht dagegen noch immer in der Frontstellung von damals. Er will mit guten Gründen beweisen, daß Stresemann kein Vorläufer Hitlers gewesen sei.

Nun, auch ich bin der Meinung, daß die Revisionisten weit über das Ziel hinausgeschossen sind. Stresemann war weder ein Vabanquespieler noch ein politischer Betrüger. Freilich, das geeinte Europa, so wie wir heute davon sprechen, war nicht sein Ziel. Europapolitik war vielmehr die diplomatische Methode einer vernünftigen und friedlichen Revision des Versailler Vertrages. Am Ziel einer deutschen Weltmachtstellung aber hielt Stresemann fest. Daß die junge Generation diesen nationalen Kern von Stresemanns Politik heute vielfach rein negativ bewertet, ist das Unhistorische an ihr. Stresemann war ein Kind seiner Zeit, ausgestattet jedoch mit einem grandiosen Sinn für das Mögliche, auch wenn er zuweilen in romantische Träumereien glitt. Die glanzvolle Verbindung der Locarno- und der Rapallo-Politik verrät Bismarcksche Könnerschaft. Das Do ut Des in der Lage des Besiegten war eine Meisterleistung. Stresemanns Taktik und Flexibilität waren erfolgreich, weil er im Willen zur Wiederherstellung der deutschen Entscheidungsfreiheit ein außenpolitisches Gesamtkonzept besaß. Er überragte seine national gesinnten Zeitgenossen, weil er ein subtileres Verfahren anwandte und auf die radikale Abkehr von übersteigerten Emotionen und nationalistischen Illusionen drängte.