Der flotte Mann hinter dem Abfertigungsschalter der Lufthansa auf dem Wiener Flughafen war verzweifelt. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte brüsk: „Tut mir leid, ich kann keinen mehr mitnehmen, das Flugzeug ist besetzt.“

Hinter der harten Schale verbarg sich jedoch sichtbar ein weicher Kern. Bereits um elf Uhr am Morgen rang er um Fassung. Er litt. Die Fluggäste hingegen, die mit „98 Prozent Sicherheit“ auf der Warteliste gestanden hatten, sahen der Katastrophe getrost ins Auge und lächelten den Mann an, weil er es gebrauchen konnte. Unsere Flugscheine wurden umgebucht, zuerst auf die nächste Maschine der gleichen Gesellschaft, dann auf eine ausländische Gesellschaft. Trotzdem – die Katastrophe schritt fort: Es schneite in Wien, es war nichts mehr zu sehen, etliche Flugzeuge wurden umgeleitet, und die, die hier auf dem Platz standen, vereisten leider, wie es hieß.

Wer von den Fluggästen innerlich vereiste, ließ sich nichts anmerken. Mittags um zwei Uhr fuhren wir zum erstenmal aufs Rollfeld. Die Maschine brüllte ein paarmal auf, dann kehrte sie wieder um. Wir trösteten die Stewardessen so gut es ging. Sie litten auf sehr zierliche Weise. Um den nächsten Start nicht zu verpassen, blieben wir gleich an der Tür stehen, denn es wurde nichts mehr ausgerufen. Wir informierten uns „unter der Hand“. Und es war gut, das versierte Fluggäste da waren, die gute Ratschläge verteilten. Denn das Bodenpersonal glich gegen drei Uhr am Nachmittag einer Schar frühchristlicher Märtyrer, auf die die Löwen schon losgelassen worden waren. Dabei waren wir ganz zahm und sagten wenig.

Fünf Stunden hatten wir auf dem Wiener Flugplatz herumgelungert, als wir gegen vier Uhr tatsächlich nach München starteten. Bei der Ankunft hatten wir Magendrücken. Denn um den Stewardessen den Dienst zu erleichtern, hatten wir das Mittagessen zu schnell gegessen. Ein halb sechs Uhr auf dem Münchner Flugplatz: Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Eigentlich wollte ich nach Köln. Aber am Informationsschalter hieß es: „Ihre Anschlußmaschine ist weg. Sie können nach Frankfurt fliegen, aber ob Sie von dort noch nach, Köln kommen, weiß ich nicht.“ Als ich das wehe Lächeln der Angestellten sah, hörte ich auf, zu erklären, wie sehr mir daran lag, noch am gleichen Tag nach Hause zu kommen. Sie konnte doch wirklich nichts dafür. Ich wartete noch eine Stunde, nahm um sieben Uhr eine Maschine nach Düsseldorf – und fuhr mit dem Zug nach Köln.

Ich hatte zwölf Stunden gebraucht, um von Wien nach Köln zu kommen. Nun gut, wer mit dem Flugzeug reist, kalkuliert die Risiken ein. Schnee, Nebel, Sturm, schlechte Sicht, ein zusammengebrochener Flugplan: Kann eine Fluggesellschaft etwas dafür? Nein. Ich habe deshalb auch Verständnis dafür, daß das Personal bei Naturkatastrophen arm, pflegebedürftig und bedauernswert ist. Von den Fluggästen rede ich gar nicht. Sie hatten Anschlüsse und Verabredungen versäumt und nicht nur Stunden, sondern halbe Tage gewartet und den Kummer in vorzüglicher Haltung sublimiert. „Aber Egon, sie können wirklich nichts dafür!“ rief eine Dame ihren Gatten energisch zur Ordnung, der auf dem Münchner Flugplatz aus sich herausgehen wollte. Er schluckte und blieb still. Nicht einmal seine Frau hatte für ihn Verständnis, und wenigstens das sollten die Fluggesellschaften anerkennen: Sie haben eine rührende Kundschaft.

N. G.