Amerikas Farbfernseh-„Uhren“ gehen falsch. Den Schaden hat der Zuschauer: die geplagten Besitzer von Farbfernsehgeräten in den USA sind während der Sendungen damit beschäftigt, durch vorsichtiges Drehen an den Bedienungsknöpfen für eine erträgliche Farbqualität der Bilder zu sorgen. Sie müssen die vielen Empfangsstörungen ausgleichen, die sich auf den Bildschirmen als häßliche Verfärbungen auswirken.

Daß sich das Farbfernsehen in den USA nach mehr als zehnjähriger Entwicklung bis heute nicht recht durchsetzen konnte, ist zum großen Teil auf diese Störanfälligkeit der verwendeten Übertragungstechnik, der „NTSC-Norm“, zurückzuführen. In zwei Jahren wird auch in Europa mit dem Farbfernsehen begonnen; als deutscher Startschuß ist die Große Rundfunk-, Fernseh- und Phono-Ausstellung im August 1967 in Berlin vorgesehen. Wird das europäische Fernsehen aus den trüben amerikanischen Erfahrungen lernen?

Ob wir mit unseren künftigen Farbfernsehgeräten denselben Ärger haben werden wie die Amerikaner, entscheidet sich Ende März. Dann nämlich kommen Delegierte des Internationalen Rundfunkrates CCIR (Comité Consultatif International des Radiocommunications) und der osteuropäischen Parallelorganisation OIRT (Organisation International de Radio et Television) in Wien zusammen und entscheiden, nach welchem einheitlichen Verfahren in Europa gesendet werden soll. Neben der NTSC-Norm bewerben sich noch zwei andere Konkurrenten: das in Frankreich entwickelte Secam-Verfahren sowie PAL von Telefunken.

Die beiden europäischen Systeme sind Verbesserungen des amerikanischen Verfahrens. Sie sind zwar etwas teurer, doch bieten sie dem Betrachter auch unter ungünstigen Empfangs- oder Sendebedingungen viel bessere Bilder. Dr. Walter Bruch, der das PAL-System in den Telefunken-Labors in Hannover entwickelte, konnte diesen Unterschied kürzlich im Rahmen eines Pressecolloquiums der Firma sehr anschaulich demonstrieren: künstlich erzeugte, in der Praxis aber recht häufige Empfangsstörungen wurden auf dem amerikanischen NTSC-Empfänger als Grünstich oder Violettstich des Bildes sichtbar – auf dem PAL-Empfänger dagegen zeigte sich keine Qualitätsverschlechterung.

Das technische Dilemma des Farbfernsehens begann, als nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Industrie der Bundesausschuß für Fernsehnormen NTSC (National Television System Committee) gegründet wurde. Es verlangte, das Farbfernsehen müsse „kompatibel“ sein: die farbigen Sendungen sollten auch von den üblichen Schwarzweiß-Empfängern gut wiedergegeben werden, und die Farbempfänger sollten umgekehrt Schwarz-Weiß-Sendungen empfangen können. Diese Forderungen lassen sich mit den Prinzipien der Farbtechnik nur schwer in Einklang bringen. Aber sehen wir uns zunächst die Technik selbst an.

Für die Aufnahme werden drei Kameras benötigt, und zwar je eine für den roten, grünen und blauen Farbanteil des Bildes. Aus diesen drei Grundfarben läßt sich jedes farbige Bild zusammenstellen.

Die Wiedergabe-Bildröhre, die „Lochmaskenröhre“ der Radio Corporation of America, ist ein Wunderwerk technischer Präzision. Ihre Mattscheibe besteht aus etwa einer Million mikroskopisch kleiner farbiger Phosphorpunkte, die in Dreiergruppen (jeweils ein roter, grüner und blauer Punkt) angeordnet sind. Hinter der Mattscheibe befindet sich die „Lochmaske“, ein undurchsichtiger Schirm mit kleinen Löchern; jedes ist einer Dreiergruppe auf der Mattscheibe zugeordnet. Das Bild eines Schwarz-Weiß-Gerätes wird durch einen Elektronenstrahl geschrieben, der die Mattscheibe Zeile für Zeile zum Leuchten bringt; an einem farbigen Bild aber arbeiten drei Elektronenstrahlen: je einer für die roten, grünen und blauen Phosphorpunkte. Die Lochmaske sorgt dafür, daß die Strahlen während ihrer Wanderung über den Bildschirm keine falschen (andersfarbigen) Punkte treffen.