Von Heinz Josef Herbort

Im Anfang war der eine Kanal. Vom alten Trichtergrammophon bis hin zur Langspielplatte, vom frühen Detektorempfänger bis hin zum kleinen Taschenradio bediente sich die Schallplatten- und Rundfunktechnik immer des klassischen Verfahrens, Sprache, Musik, Geräusch, Klang wiederzugeben: Mit einem Mikrophon wurde das Ereignis aufgenommen und in elektrische Werte umgewandelt, diese wurden dann auf der Platte oder dem Magnetophonband gespeichert, später wieder abgenommen und – direkt oder auf dem Umweg über Funkwellen – von einem einzigen Lautsprecher wiedergegeben.

Das Ergebnis läßt sich in einem Bild beschreiben: In zwei Räumen sitzen hier – sagen wir – das Orchester, dort der Hörer; zwischen beiden eine schalldichte Wand, die lediglich ein kleines Loch aufweist. Allein durch dieses kleine Loch ist das Orchester zu hören. Was in natura auf einer Breite von zehn und mehr Metern, in einer Tiefe von über sieben Metern an Klang erzeugt wurde und sich in einem großen Raum entfaltete, ist durch eine „akustische Linse“ wie . in einem „Brennpunkt“ zusammengerafft worden, „Raum“ ist geschrumpft zu einem kleinen Punkt.

Die Weiterentwicklung begann damit: Techniker wie Theoretiker besannen sich darauf, daß der Mensch mit zwei Ohren hört und daß zwischen dem, was an Tönen, Lauten, Geräuschen, Klängen – die moderne Theorie bezeichnet, all dies als „Informationen“ – auf das linke und was auf das rechte Ohr trifft, Unterschiede bestehen. Um etwa bei unserem Orchester zu bleiben: links vom Hörer spielt eine Violine. Der Ton des Instruments gelangt an das rechte Ohr des Hörers um Bruchteile einer Sekunde später als an das linke, und er besitzt rechts eine – wenn auch minimal – geringere Intensität als links. Der Gehörmechanismus des menschlichen Ohres verarbeitet diese „Laufzeit“- und „Intensitäts“-Unterschiede derart, daß der Hörende die Schallquelle ortet, lokalisiert, die Richtung bestimmt, aus der der Schall kommt.

Wollte man vom „Punkt“ weg wieder zum „Raum“ kommen, wollte man, statt durch das kleine Loch in der Wand einen undifferenzierten Klangbrei zu vernehmen, wieder hören, an welcher Stelle auf dem Orchesterpodium die Violinen, wo die Celli sitzen, wollte man die natürliche „Durchsichtigkeit“ (Transparenz) des Klanges erreichen, Einzelstimmen wieder verfolgen können, so lag nichts näher, als mit Hilfe eines „künstlichen Kopfes“ den natürlichen Hörvorgang technisch nachzubilden.

In der Tat bestand die Frühform der „Stereophonie“ – wie man die Technik nennt, mit zwei unterschiedlichen Informationen „räumlich“ zu hören – darin, daß auf eine hölzerne Kugel rechts und links je ein Mikrophon montiert wurde, die beiden rechts und links gewonnenen elektrischen Zeichen getrennt verstärkt und über zwei Kopfhörer wiedergegeben wurden.

Die hölzerne Kugel konnte bald wegbleiben. Da Mikrophone „gerichtet“ werden können, so daß sie wie das menschliche Ohr Töne aus bestimmten Richtungen bevorzugt aufnehmen und die aus anderen Richtungen vernachlässigen, ist es möglich geworden, an einer bestimmten Stelle im Aufnahmeraum – etwa dort, wo der „Hörer“ sitzen würde – die zwei Mikrophone direkt übereinander aufzustellen, ihre Aufnahmerichtungen um 90 Grad gegeneinander zu versetzen und so von einem seitlich auftretenden Ton oder Geräusch zwei Informationen verschiedener Intensität zu erhalten. Je weiter die Klangquelle in die Mitte rückt, desto geringer werden die Intensitätsunterschiede zwischen rechts und links.